Die Flucht aus dem Bürgerkrieg

Interview von R. B. mit einer Person aus Sri-Lanka

Ich komme aus Sri Lanka und bin 15 Jahre alt. Ich wohnte mit meinen Eltern und meinen beiden Schwestern in Puttur. Ich wuchs schon mit dem Krieg auf und kannte die Risiken.  Der Bürgerkrieg begann 1983, als die Tamilen einen eigenen Staat haben wollten, doch die Singalesen  verhinderten es. Die Tamilen eroberten den Grossteil des Nordens, wo auch die meisten Tamilen lebten. 1995 eskalierte der Konflikt, weil die singalesische Armee die Halbinsel Jaffna zurück eroberten. Anfangs des 21. Jahrhunderts bis 2006 flüchteten über 150‘000 Menschen von Sri Lanka. Im November 2007 wurden die Friedensverhandlungen durch einen Bombenanschlag weiter zurück geworfen, womit der Krieg weithin seinen Lauf nahm. Am 25. Januar 2009 wurde Mullaitivu, die letzte Hochburg  der Tamil Tigers, eingenommen und so war der Wiederstand  gebrochen. Angesichts des Geländegewinns im Mai 2009 erklärte der sri-lankische Präsident die Tamil Tigers für besiegt und den Krieg somit für beendet. Der Krieg forderte mehrere Tausend Todesopfer und über 200‘000 Menschen mussten flüchten.

Zum Glück lebten wir nicht direkt an der Front sondern etwas weiter nördlich. Leider verschlechterte sich die Lage zunehmend und die singalesischen Soldaten kamen immer näher zu uns. Da beschloss mein Vater vor dem Krieg zu flüchten. Da wir Verwandte in der Schweiz hatten, wollten wir zu ihnen gehen, um dort ein neues Leben anzufangen. Sie schickten uns Geld, um den Flug zu bezahlen. Einige Tage später flogen wir Richtung Zürich . Dort angekommen wurden wir dann von Zöllner mitgenommen und in ein Lager gebracht . Meine Tante sagte uns, wir müssen Asyl beantragen damit wir in der Schweiz bleiben konnten. Da wir vor dem Krieg geflohen sind, galten wir als Flüchtlinge und bekamen eine Aufenthaltsbewilligung. Die ersten paar Wochen lebten wir bei unseren Verwandten, aber dann bekamen wir eine Wohnung in N.. Mein Vater fand Arbeit in einer Reinigungsfirma und meine Mutter machte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Ich ging dann in die Schule mit meinen Schwestern. Für die ersten 3 Jahre gingen wir auf eine spezielle Schule für Kinder, die kein Deutsch konnten. Später konnte ich dann auf eine normale Schule in N. gehen.

Wenn ich zurück denke, war es sehr schwierig für meine Familie und mich. Die Sprache machte es uns schwer, aber wir hatten viel Hilfe von anderen Tamilen. Dafür bin ich sehr dankbar . Es gibt eine kleine Gemeinschaft von Tamilen, der wir heute angehören. Dort half man meinen Eltern bei der Arbeitssuche und uns Kindern in der Schule. So konnten wir unsere Kultur behalten und mussten nicht auf unsere Gottesdienste verzichten.  Es war sehr wichtig für uns, den es gab uns auch Kraft.

Wir haben uns sehr gut eingelebt und haben sogar den  C-Ausweis. Momentan mache ich gerade das 9. Schuljahr zu Ende und beginne im Sommer eine Lehre als Kaufmann. Ich habe viele Freunde gefunden und fühle mich in der Schweiz zu hause. Leider konnte ich wegen dem Krieg bis jetzt nicht meine Verwandten in Sri Lanka besuchen. Zum Glück ist der Krieg jetzt beendet und wir haben schon eine Reise nach Sri Lanka geplant. Ich bin froh, dass wir in der Schweiz  leben,  denn hier sind wir sicher und haben ein gutes Leben. In der Schweiz ist die Ausbildung viel  besser als in Sri Lanka und ich habe auch bessere Chancen auf einen guten Job. Ich vermisse meine Heimat schon, denn dort ist es schön warm und es hat ein Meer. Die Leute sind auch ein bisschen netter und offener als hier in der Schweiz.

Ich kann mir ein Leben in Sri Lanka nicht mehr vorstellen. Hier sind meine Freunde und ein Teil meiner Familie. Der Lebsensstandard ist in der Schweiz höher und man verdient viel besser. Die Schule macht mir Spass und ich freue mich schon auf meine Ausbildung. Ich kann mir sehr gut vorstellen hier in  der Schweiz mein Leben zu verbringen.

 

 

 

Flagge von Sri Lanka

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Des Revoluzzers Familienfest

Des Revoluzzers Familienfest

Von Rafael Egloff, Luca Hubschmied und Manuel Bütikofer

Unter dem Motto „Occupy Villa Vasella“ reiste ein bunter Haufen von jungen Occupiern in die Zentralschweiz, um gegen die angekündigten Entlassungen beim Pharmariesen Novartis zu demonstrieren. Die Ankündigung eines Protestmarsches vor das Anwesen des Konzernmagistraten und Grossverdieners Daniel Vasella hatte beachtliche mediale Wellen geschlagen. Wir mischten uns unter den Tross aus Vollblutkommunisten und grünen Demonstrationsjungfern, um einen Einblick in die Politbewegung der Stunde zu erhalten.

Im rappelvollen Ortsbus, in dem wir zusammen mit den Occupiern von Rotkreuz nach Riesch fahren, herrscht eine gute Stimmung. Die jungen Aktivisten lachen und einige erzählen von ihren Erfahrungen mit der Bewegung auf dem Zürcher Paradeplatz. Nach der kurzweiligen Busfahrt schreiten wir mit wehenden JUSO-Fahnen durch die Zuger Nobelgemeinde. Grosszügige Villen trennen die Hauptstrasse vom Seeufer, welches von den Millionären in Beschlag genommen worden ist.

Wir begeben uns auf eine von der Polizei abgesperrte Kuhweide, sehen aber von Vasellas Grundstück nur das Dach. Die Organisatoren bringen blaues Papier unter die Leute, mit der Idee, darauf Kündigungsgründe für Vasella festzuhalten und ihm diese zu übergeben. Dazu hören wir die Hymne der sozialistischen Linken: „El Pueblo unido, jamás será vencido”, “Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden“. Während rundherum mit kreativem Eifer blaue Briefe geschrieben werden, blicken wir uns etwas um.

Ungefähr 50 Occupier zählen wir, die meisten jüngeren Alters, doch gegen oben ist die Grenze offen; einige Aktivisten stufen wir mit etwas Fantasie als erprobte Klassenkampffossile ein. Auf die Frage, was sie hierher führe, antwortet die junge Frau neben uns: „Ich glaube kaum, dass wir hiermit konkret etwas erreichen, aber es geht ums Prinzip: Als zornige Bürger müssen wir ein Zeichen setzen!“ Auch geht es den meisten nicht nur um den Fall von Novartis an sich, sondern um die Prinzipien der Gewinnmaximierung auf Kosten des einfachen Arbeiters.

„Opinion Leader“ unserer Gruppe ist David Roth, der Präsident der Juso, welcher nach dem rauchenden Abgang des Generators und der damit verbundenen Musikanlage das Wort ergreift und nach dem Dreschen diverser sozialistischer Standartphrasen erklärt, dass Vasella effektiv zuhause sei und sich bereit erklärt habe, mit Roth und der zweiten Verantwortlichen, Mattea Meyer, eine kubanische Zigarre zu rauchen. Wir warten noch ein Weile und man beginnt zu planen, wie dem Hobbyjäger zu begegnen sei. Zwei Selbstgedrehte später informiert die Polizei, dass es losgehen könne. Roth und die JUSO-Vizepräsidentin und Zürcher Kantonsrätin Mattea Meyer begeben sich zum Tor und werden von einem anrollenden Mannschaftswagen der Polizei überrascht. In apokalyptisch angehauchten Kampfmonturen stellen sich sodann die blauen Männer vor dem mächtigen Eingangstor auf. Während zwischen den roten Fahnen ein kollektives Kopfschütteln die Runde macht, postieren sich Roth und Meyer zwischen ihnen und halten mit einem scheuen Lächeln einen grossen blauen Brief vor die Kameras, auf welchem die Untaten des bösen Daniel aufgelistet sind. Nach dem kurzen Fotoshooting rollt das Tor wie von Geisterhand langsam auf und die beiden schreiten von einer grosszügigen Eskorte freundlicher Kantonspolizisten begleitet dem sehnlichst erwarteten Rencontre entgegen.

Die Aktivisten wie auch die Journalisten versuchen noch mit einem Blick über die Mauer ein Gesicht des bösen Geistes zu erhaschen, was aber nicht gelingt und die Journalisten später auch nicht besonders enerviert haben dürfte, waren doch die Geschehnisse an diesem Samstag nur den wenigsten Zeitungen eine Meldung wert. Es passiert lange nichts. Aktivistin Pamela A. erzählt, dass es schon ein Erfolg sei, überhaupt mit den „Abzockern“ ins Gespräch zu kommen. Sie habe vor einem Monat ein ganzes Wochenende vor dem Glencore-Areal protestiert und keinen einzigen Angestellten zu Gesicht bekommen. Ronny H., welcher seit dem Morgengrauen seine Fahne zu schwenken scheint und  nun mit seinem schweissgebadeten Glatzkopf eifrig nickt, meint: „Hoffentlich nutzen die Zwei die Chance und lesen Vasella ordentlich die Leviten da drinnen!“ Bevor er einen Tennisarm anmeldet und sich erschöpft auf die Wiese legt, sinniert er noch über das ungerechte System und über seine Vision einer klassenlosen Gesellschaft. Die umstehenden Demonstranten werfen ihm anerkennende Blicke zu.

Es vergehen weitere Minuten unterhaltsamen Wartens, während derer wir Zeit haben, uns über die Pressefotografen zu amüsieren, welche halb auf die Mauer der Vasella-Residenz gestiegen sind und mittels ungesunden Verrenkungen ihres Körpers versuchen, die Linse zwischen den Bäumen hindurch auf die Villa oder auf ihren Besitzer zu richten.

Schliesslich öffnet sich das Tor erneut und die Demonstrationsalphas Roth und Meyer erreichen nach der Kurzaudienz sichtlich erleichtert die sichere Seite der Schnellstrasse. Unverzüglich wenden sie sich an die Journalisten, welche sich erregt um sie aufstellen. Prompt ertönen auf der Kuhwiese Proteste, schliesslich gehört es sich für den zertifizierten JUSO-Basispolitiker nicht, dem mitgereisten Pöbel die Neuigkeiten vorzuenthalten. David Roth entschliesst sich daraufhin, das Wort an die versammelten Occupier zu richten:

„Wir haben ihn gefragt, weshalb man trotz Millionengewinnen 2000 Arbeiter auf die Strasse stelle. Er antwortete, man müsse halt konkurrenzfähig bleiben.  Unseren Einwand, ob man nicht bei den oberen Kadern hätte sparen können, bestätigte er mit einem lapidaren Ja.“

Nach dem fünfminütigen Fazit folgt ein kurzes kollektives Enervieren über Vasella, das Etablissement und den Kapitalismus. Danach wird zu Ende geraucht und mit Bedauern festgestellt, dass der Bus schon abgefahren ist.

Nun, wo sich Hase und Igel im Unterholz schlafen legen und die Sonne sich verabschiedet, blicken wir auf einen ereignisreichen Tag zurück. Wir wurden Zeugen eines wahren Klassenkampfspektakels, dem ungeschönten Aufeinanderprallen von unbeholfenem Jugendpopulismus und arroganter Zuger Herrschaftsmentalität. Dass die Demonstration keine grossen Früchte getragen hat, zeigt sich auch im Schlusskommentar von Andy S. Wie viele andere beschränkt er sich darauf, seine Unzufriedenheit zu zelebrieren: „Dass die Polizei sich in solcher Zahl, in voller Montur und bewaffnet dermassen aufspielte, zeigt eindeutig, für wessen Sicherheit sie sich in Wahrheit einsetzt.“

Solch kritische oder kämpferische Sprüche und Parolen ertönten den ganzen Tag lang zuhauf, doch trotz des ehrenwerten Einsatzes für die gute Sache stellte die von der Juso zur Profilierung geschaffene Bewegung „Occupy Villa Vasella“ nicht mehr als eine löbliche Ausübung des Rechts zur öffentlichen Meinungsäusserung dar. Aktionen wie diese, selbst wenn sie nicht den gewünschten Massenwirkungseffekt erreichen, befruchten massgeblich den Nährboden der politischen Meinungsbildung. Auch wenn damit noch nicht  gleich die Mauern des Kapitalismus niedergerissen werden, bleibt dieses politische Engagement der jungen Generation lobens- und unterstützenswert.

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Kamingespräche 2011/12

„Manchmal habe ich Mühe, mit meinem Kopf herumzulaufen“

Kamingespräch mit Nationalrat Adrian Amstutz

Von Martina Bütler

Einmal mehr standen auch in diesem Jahr die Kamingespräche im Gymnasium Köniz–Lerbermatt an. Schüler und Lehrkräfte durften sich auf interessante Persönlichkeiten aus der Welt von Politik und Wirtschaft freuen, die mit den Primanern über das  Thema „Die direkte Demokratie als Herausforderung“ diskutierten.

Der erste Gast, der den Weg zu uns ins Gymnasium in Angriff nahm, war SVP-Hardliner Adrian Amstutz. Gespannt wurde dem Gespräch mit dem äusserst umstrittenen Politiker entgegengefiebert, auch wurden diverse  Mutmassungen über sein Auftreten angestellt. Sowohl bei den vier Schülern, welche die Diskussion führten, wie auch bei Herrn Blank waren vor dem Kamingespräch eine gewisse Nervosität und Anspannung zu spüren.

Adrian Amstutz zog viele politinteressierte Personen an; so war es auch kaum erstaunlich, dass der Cheminéeraum überfüllt mit gespannten Zuhörern war. Viele von ihnen waren gekommen, obschon sie die politische Einstellung von Adrian Amstutz nicht teilen. Vielmehr waren sie daran interessiert, politische Meinungen und Standpunkte aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das Publikum stellte sich auf eine hitzige Debatte ein und erwartete einen provokativen und aggressiven Politiker. Diese Erwartungen wurden kaum erfüllt, da sich Herr Amstutz relativ gelassen und für seine Verhältnisse harmlos zeigte. Es wurde gemunkelt, dass eine gewisse Taktik dahinter steckte, um allenfalls noch die eine oder andere Stimme für die bevorstehende Ständeratswahl zu gewinnen.

Zu Beginn wollte man von Herrn Amstutz wissen, wie die Finanzierung seines Wahlkampfes zustande komme und ob die teils sehr provokative  Werbung der SVP nicht schon als diskriminierend gelte. Die Zuschauer erwarteten unter anderem Erklärungen zum Ursprung gewisser SVP-Plakate („Schweizer wählen SVP“). Wer auf klare und  einleuchtende Antworten hoffte, wurde jedoch enttäuscht. Den unangenehmen Fragen ging der Politiker gekonnt aus dem Weg, sei es mit einer kleinen Anekdote oder mit einem passenden Vergleich. Auch kritische Zuhörer mussten anerkennen, dass Herr Amstutz rhetorisch sehr stark ist und durch sein Charisma das Publikum fest im Griff hatte.

Des Weiteren  wurde auch das Thema rund um die Konkordanz angesprochen und sehr breit diskutiert. Amstutz meinte, es sei nicht so wichtig, wer im Bundesrat sei, Hauptsache, diese Person sei aufgrund der Konkordanz legitimiert.

Nach einer guten Stunde wurde die offizielle Diskussion beendet und die Zuschauer durften ihre unbeantworteten Fragen und Anliegen einbringen. Nach dem Gespräch war vor allem bei den Hauptverantwortlichen eine grosse Erleichterung über den Verlauf der Diskussion zu spüren. Man war froh, dass sich beide Parteien fair und anständig verhalten hatten und es zu keiner unangenehmen Situation gekommen war. Die Schüler, welche die Diskussion leiteten, hatten ihre Aufgabe im Grossen und Ganzen gut gemeistert. Der eine oder andere Zuhörer hätte sich jedoch etwas mehr Mut zur Provokation seitens der Interviewer gewünscht. Angesichts der Schlagfertigkeit des Polit-Profis gingen die Schüler etwas unter.

Auffallend war, dass nach der einstündigen Diskussion noch lange nicht alle Fragen und Anliegen der Schüler geklärt waren. Denn beim anschliessenden Apéro gab es einen regelrechten Ansturm auf den Politiker, und die Diskussion wurde im kleineren Rahmen weitergeführt.

http://www.youtube.com/watch?v=JGwvbQCmkpk&feature=youtu.be

http://www.youtube.com/watch?v=s7zro6gLg7Q&context=C3489ef6ADOEgsToPDskJXSfj2Fi5v4KsAx8T2Jn3T

„Es steht ja nicht alles in den Zeitungen“

Kamingespräch mit Rudolf Strahm

Von Laetitia Auderset

Der zweite Gast der diesjährigen Kamingespräche war der Ex-Nationalrat (1991 – 2004) und ehemalige Preisüberwacher (2004 – 2008) Rudolf Strahm (SP), der auch als Autor zu Fragen der Schweizer Wirtschaft in Erscheinung getreten ist. Er studierte Wirtschaft an der Universität Bern, nachdem er  mehrere Jahre als Chemiker gearbeitet hatte. Im Vergleich zum ersten Kamingespräch, das in der Woche zuvor mit Herrn Amstutz geführt worden war, wirkte das Gespräch mit Herrn Strahm polarisierend . In einer guten Atmosphäre wurde über wirtschaftliche und politische Aspekte diskutiert.

Als erstes grosses Thema wurde die Berufsbildung angesprochen, welche natürlich an einem Gymnasium von grossem Interesse ist. Herr Strahm selbst absolvierte eine Berufslehre im Fachbereich Chemie mit anschliessendem Diplom und studierte einige Jahre später Wirtschaft an der Universität Bern. Die gymnasiale Ausbildung kann auch heutzutage der Berufslehre gegenübergestellt werden. Ein Hochschulabschluss, der über die Maturität führt, muss gegenüber einem Abschluss an einer Fachhochschule, der über eine Berufslehre und eine anschliessende Berufsmaturität erreicht wird, nicht unbedingt als vorteilhafter angesehen werden. Nach Strahm kann die Kombination einer Maturität, die an einem Gymnasium erreicht wird, mit einem anschliessenden Lehrabschluss die Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Die Lehre würde eine wichtige Lücke in der Berufswelt schliessen, meinte er weiter. Sie bildet vor allem das mittlere Kader aus, und Leute mit einer anschliessenden Weiterbildung seien zudem in der Berufswelt sehr begehrt. Natürlich brauche es auch Ärzte, Anwälte und andere Uniabgänger; ein Überschuss an Akademikern sollte jedoch vermieden werden, denn es gebe schon heute viel zu viele davon. Dies betrifft besonders die Personen mit geisteswissenschaftlichen Diplomen, bei denen einfach eine zu kleine Nachfrage im Vergleich mit dem Angebot herrscht. Ausserdem würden Professoren teilweise zu karriereorientiert handeln, anstatt fachdidaktisch zu überlegen.

Dazu komme, dass ein Bachelor alleine nicht berufsbefähigend sei und somit einen negativen Aspekt im Bologna-System (einheitlicher europäischer Hochschulraum) repräsentiere. Andererseits ist das Dualsystem eine gute Sache, weil, wie auch in anderen deutschsprachigen Ländern wie Deutschland und Österreich, in der Schweiz die Jugendarbeitslosigkeit bei 2 bis 8 Prozent liege. Dieser Anteil liege im europäischen Mittel etwa bei 24 Prozent. Das System der dualen Berufsausbildung ist somit in der Schweiz eine Prävention gegen Arbeitslosigkeit und Armut.

Die Problematik des starken Franken, die im letzten Jahr auch oft in den Zeitungen thematisiert war, wurde ebenfalls aufgegriffen. Der starke Franken ist besonders schlecht für die Wirtschaft und schmerzhaft für Exporteure. Firmen müssten die Produktion verringern, ins Ausland verlegen oder gar aufgeben, worunter die Zahl der Arbeitsplätze in der Schweiz litten. Es gebe allerdings auch einen positiven Aspekt bei dieser Sache: In der Tourismusbranche können Hochpreisprodukte trotz starkem Franken weiterhin teuer verkauft werden, und somit gibt es auf dieser Seite auch Gewinner. Da der Euro für die Schweizer so günstig ist, kamen viele auf die Idee, längere Ferien im Ausland zu machen. Dies wirkt sich zwar wirtschaftlich negativ auf die Schweiz aus, denn die Schweizer nicht patriotisch genug, um sich Ferien im eigenen Land „zu leisten“.

Herr Strahm meinte, dass er uns „als Insider schon einige Sachen erzählen könne, es stehe ja nicht alles in den Zeitungen.“ Er sagte zudem, dass die Ansetzung des Eurokurses auf 1.20 gut sei. Kurz wurde auch die “Affäre Hildebrandt” thematisiert, die sich aber erst später aufklären sollte. Es wurde nur gesagt, dass sich die Wirtschaftskreise versammelten, um die SNB zu unterstützen, sowohl politisch wie auch psychologisch.

Ebenfalls wurde das Problem der Schweiz im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis, das sie zu einer Insel mit einer herrschenden Oligarchie macht, angesprochen. Von den USA her herrscht Druck, denn sie verlangen Einsicht in die Bankgeschäfte amerikanischer Kunden. Der Mythos “Bankgeheimnis” sollte dringend korrigiert werden, meinte Strahm, denn ansonsten werde “es schmerzen“. Gewisse Fortschritte in diesem Bereich wurden in der EU bereits mit der Idee eines Abkommens zur Regulierungsabgabe erzielt, womit die Umgehung der Steuerabgaben durch ausländische Bankkunden verhindert werden soll. In England wurde bereits ein solches Abkommen vereinbart, aber da die Schweiz nicht unbedingt auf die EU eingeht, könnten diese Pläne vorerst hinausgeschoben werden.

Auf eine Frage der Moderatoren bezüglich der erhöhten Wahlchancen der SP in Krisenzeiten wurde nur ansatzweise eingegangen. Die SP habe wegen dem Proporzsystem immer noch vielen Stimmen gekriegt, so Strahm. Jedoch habe die Partei auch Stimmen an die Mitte einbüssen müssen. Sicher sei jedoch noch nicht, ob die Wahlerfolge von BDP und GLP, die vor allem die junge Generation ansprechen, wiederholt werden könnten. Zuerst müssten sie sich profilieren und die richtigen Leute an der Front einsetzen. Allgemein hätten es neugegründete, kleinere Parteien schwierig.

Herr Strahm ist auch der Ansicht, dass die SVP mit einer Vertretung von 27 Prozent im Parlament Anrecht auf einen zweiten Sitz habe, da ansonsten die Konkordanz nicht arithmetisch sei. Mit dieser Aussage stand die Diskussion ziemlich im Gegensatz zu derjenigen mit Herrn Amstutz.

Nach Herrn Amstutz sollten die Leute selber schauen, wie sie intergiert werden, was bei R. Strahm auf grossen Widerspruch stiess. Integration sei seine Spezialität, verkündete Strahm. Enerviert sagte er, dass unter anderem auch die SVP Arbeitskräfte aus dem Ausland in die Schweiz hole, aber, wie schon Max Frisch sagte: „Wir wollten Arbeitskräfte, und es kamen Menschen”. Man muss also auch die Konsequenzen bedenken und danach handeln. Herr Strahm setzt sich gelegentlich auch mit Frau S. Sommaruga zu einer Besprechung zusammen, um über die Integrationsfrage zu diskutieren. Das primäre Ziel wäre bestimmt, den Leuten Lesen und Schreiben in der deutschen Sprache beizubringen. Ein gewisses Minimum an Allgemeinwissen, wie auch Mathematik und Aufklärung über Heirat und Scheidung, seien wichtig, aber wesentlich sei vor allem die berufliche Integration.

Herr Blank meinte bei der Verabschiedung, dass es Unterschiede gab zum vorigen Gespräch, was mit einem zwinkernden „Ja, hoffentlich!“ als Antwort dem Publikum noch ein Lächeln entlockte.

 

 

http://www.youtube.com/watch?v=IdsfkbH9EnQ&feature=context&context=C3489ef6ADOEgsToPDskJXSfj2Fi5v4KsAx8T2Jn3T

 

„Auch hier herrscht eine gewisse Konkordanz”

Kamingespräch mit Roger Blum

Von Laetitia Auderset

Ende November wurde Prof. Dr. Roger Blum zum Gespräch ins Gymnasium Köniz-Lerbermatt eingeladen. Er hattte Geschichte in Basel studiert, war Chefredaktor des Zürcher „Tages-Anzeiger“ gewesen und arbeitet seit 1990 als freier Journalist, in Teilzeit auch als Bundeshauskorrespondent. Im Grossen und Ganzen ging es bei der Diskussion um das Gebiet der Medienwissenschaften.

Herr Blum erzählte, dass er selbst viel Zeitungen lese und sich auch im Internet informiere, jedoch kaum fernsehe. Er führt auch ein Archiv und sagt, dass „der Journalismus nicht eine Wissenschaft sei, sondern viel eher ein Tagwerk, ein Minutenwerk, gar ein Handwerk“ sei.  Das Ziel sei es, komplexe Mitteilungen möglichst korrekt und verständlich für die Leser herunterzubrechen. Journalisten sind zwar dafür bekannt, dass sie die mächtigen Personen unserer Gesellschaft bedrängen, aber die meisten täten dies auf freundliche Art. Auf die Frage, was die Medien für eine Funktion hätten, bekamen wir eine sehr vielfältige und ausführliche Antwort. Sie haben nämlich eine Informationsfunktion, zum Beispiel auch die Verpflichtung, Affären des öffentlichen Interessens aufzudecken, eine Artikulationsfunktion, also die Äusserungen von Menschen zu vertreten, eine Integrationsfunktion, eine Kritik- und Kontrollfunktion, eine Unterhaltungs- und Servicefunktion, aber auch die Aufgabe der Analyse und Interpretation, wie die Erklärung gewisser Phänomene und Zusammenhänge.

Auch die Beziehung zwischen Medien und Politik war ein interessanter Aspekt dieser Diskussion. Die Politik braucht die Medien als Kanal, als Multiplikator. Da sie einander gegenseitig brauchen, kann man es als eine Hassliebe beschreiben, meinte Blum. Sie sind voneinander abhängig, indem die Politiker eine Plattform brauchen, damit sie etwas vermitteln können; die Medien stellen den erforderlichen thematischen und zeitlichen Rahmen. Die Aussagen der Politiker müssen präzise und kurz gefasst sein, damit nicht zu viel Zeit verloren geht. Ausserdem werden meist möglichst die wichtigen Personen befragt und diejenigen, die sich gut sprachlich ausdrücken können. Man könnte fast sagen, dass auch hier eine Art Konkordanz zwischen den beiden Gruppen herrscht, was auch bei den Wahlen im Dezember 2011 beobachtet werden konnte. Die letzten Wahlen wurden fantasievoll und innovativ in den Medien präsentiert. BDP und GLP haben nach Ansichten von Prof. Blum den grössten Nutzen daraus gezogen, aber es müsse auch gesagt werden, dass die meisten Menschen sich nicht allzu fest von den Medien beeinflussen liessen, da sie schon eine klare Vorstellung davon haben, wie sie wählen werden. Somit hätten die Medien nicht einen riesigen Einfluss auf das Wahlverhalten, aber sie gehörten bestimmt zu einem der Faktoren, die die Menschen möglicherweise auf neue Gedanken bringen. Ansonsten kam die SVP letztes Jahr bei den Medien gut weg, auf Kosten der CVP. Eigentlich ist die Erwähnung einer Partei in den Medien wichtiger als der eigentliche Kommentar, weil sie den Menschen so am ehesten im Gedächtnis haften bleibt. Daher wäre hundert Mal gescholten zu werden sogar besser als zwanzig Mal gelobt zu werden. Zu erwähnen sei auch, dass die meisten Schweizer Zeitungen mitte-links orientiert sind.

Als letztes Thema wurde noch die Gegenüberstellung der Internet-News und der Printmedien besprochen. Es könnte sein, dass beim Internet zum Teil ein gewisses Glaubwürdigkeitsproblem auftaucht, wobei die klassische Zeitung bestimmt noch lange erhalten bleiben wird, wenn auch vielleicht nicht in Papierform.

 

http://www.youtube.com/watch?v=9iTBOyrDs14&feature=context&context=C3489ef6ADOEgsToPDskJXSfj2Fi5v4KsAx8T2Jn3T

 

„Die Schweizer nehmen sich das Recht zu definieren, was ein Minarett ist.“

Kamingespräch mit Professor Dr. Reinhard Schulze

Von Dominique Feller

Am 12. Januar 2012 erwarteten interessierte Schüler und Lehrer den vierten Gast, Professor Dr. Reinhard Schulze, zum Kamingespräch. Er studierte Orientalistik und Islamwissenschaft, Romanistik und Linguistik an der Universität Bonn. Seit 1995 lehrt er Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie in Bern.

Als Herr Schulze in den Cheminéeraum des Gymnasiums Köniz-Lerbermatt  tritt, ist dieser zwar nicht ganz so voll wie bei Herrn Amstutz, aber doch sehr gut besucht. Alle sind gespannt auf einen ganz speziellen Einblick in die islamische Kultur, und sie wurden auch nicht enttäuscht. Ob auf Fragen zur Scharia und deren Vereinbarkeit mit einer Demokratie oder zur Angst vor der Islamisierung in der Schweiz: der Professor wusste immer eine gute Antwort. Man merkte deutlich, dass ihn der Islam und die Kultur islamischer Länder sehr interessieren und bis heute eine Faszination auf ihn ausüben, die vielleicht nicht für alle verständlich ist. Trotzdem hat er auch einmal kritisch geantwortet, z. B. bei der Frage, ob die nordafrikanischen Staaten es schaffen würden, eine Demokratie aufzubauen; hier meinte Herr Schulze zwar, er würde es sich erhoffen, die Länder hätten aber sicher noch einen sehr schwierigen und langen Weg vor sich, den sie wohl kaum alleine würden bestreiten können. Ohne die Hilfe Europas, mit seiner Demokratie- Erfahrung, würden es wahrscheinlich weder Ägypten noch Libyen oder irgendein anderer Staat in naher Zukunft zu einer Demokratie schaffen.

Doch wobei er sich vollkommen sicher war, war die Tatsache, dass eine Demokratie auch ohne Gleichberechtigung funktionieren könne. Diese Ansicht verursachte ein kurzes, erstauntes Raunen im Publikum und auch bei der Gesprächsleitung. Aber genau solche Aussagen machten die Diskussion spannend.

Bei diesem Kamingespräch konnte man ausserdem auch wirklich einmal von einem Gespräch oder sogar von einer Diskussion sprechen. Dr. Schulze war der einzige Gast, der nicht einfach die Fragen der Schüler beantwortete, sondern auch ab und zu deren Meinung hören wollte, bevor er seine Ansicht kundtat.

Am Anfang schienen die Schüler über diese Tatsache etwas erstaunt. Sie gaben jedoch immer sehr gute Antworten, wodurch sie sowohl beim Publikum als auch bei ihrem Gesprächspartner punkten konnten.

Herr Schulze war zum Erstaunen einiger Schüler auch ganz witzig. Mit seiner Aussage zur Minarett- Initiative erntete er nicht nur einige Lacher aus dem Publikum, sondern er stellte auch eine ganz neue und unbekannte Sichtweise dar. Nirgends im Koran oder sonst irgendwo im Islam ist nämlich festgelegt, was oder wie ein Minarett genau sein muss, um als Minarett zu gelten. Durch die Initiative hat sich die Schweiz also einfach das Recht genommen zu definieren, was als Minarett gelten kann und was nicht. Die Schweizer wollen den Muslimen verbieten Minarette zu bauen; doch was passiert, wenn der Erbauer einer Moschee sagt, er habe nur einen Schornstein auf die Moschee gebaut? Hat nun der Muslime recht, der ja eigentlich mit seinem Glauben und dessen Bräuchen vertraut sein sollte, oder der Schweizer, der das Minarett zum ersten Mal in der Geschichte definiert hat, um den Bau von Minaretten zu verbieten?

Wie wir alle sehen können, wird es hierzu sehr wahrscheinlich noch einige lustige und hitzige Diskussionen geben. Ob Herr Schulze da auch ein Wörtchen mitreden wird, werden wir sehen. Einige zum Denken anregende Fragen hat er uns auf jeden Fall mit auf den Weg gegeben, vielleicht in der Hoffnung, er werde Einzelne von uns später an der Universität Bern wiedersehen.

 

http://www.youtube.com/watch?v=t9DZsiH9jRI&context=C3c27c08ADOEgsToPDskLTZO06uMQZ9rVGJlBjZIai

 

„Meine Ordner muss ich nicht mehr selbst zur Sitzung tragen“

Kamingespräch mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga

Von Martina Bütler

Zum Schluss der diesjährigen  Kamingespräche wurde mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga nochmals ein hochkarätiger Gast erwartet. Wohnhaft im Spiegel BE, ist die Ehefrau von Schriftsteller Lukas Hartmann die Vorsteherin des Justiz- und Polizei-Departements.

Als erstes wollte man von Simonetta Sommaruga wissen, wieso sie nach der Bundesratswahl als einzige nicht auf Gott geschworen habe und ihre Hand deshalb unten geblieben sei. Für die Bundesrätin steht fest, dass sie sich mit der Wiederwahl nicht gegenüber einer höheren Macht, sondern gegenüber der Bevölkerung verpflichtet hat. Deshalb verzichtete sie auf den Eid und legte stattdessen ein Gelübde ab. Im Nachhinein ist sie sich der eher unglücklichen Bildaussage aber bewusst und hätte wohl, wie sie meinte, mit einer anderen Geste auftreten sollen.

Zudem wollte man von Sommaruga wissen, inwiefern sich ihr Alltag durch die Wahl in den Bundesrat geändert habe. Zu den Vorteilen zählte sie ganz klar die Verfügung über einen ständigen Mitarbeiter sowie ihren privaten Chauffeur. Zudem habe sie klar mehr Macht, was durchaus etwas Schönes sein könne, wie sie mit einem verschmitzten Lächeln anfügte. Nebenbei solle man sich jedoch stets der grossen Verantwortung gegenüber der Bevölkerung bewusst sein, die man in diesem Amt trägt.

Des Weiteren wurde über die Asylpolitik diskutiert, im konkreten Fall über das geplante Asylzentrum in Bettwil. Ob sie die Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung bezogen auf dieses Projekt verstehen könne, wurde Frau Sommaruga gefragt. Einerseits seien diese Sorgen schon begründet, doch andererseits müsse man auch die enormen Migrationswellen bedenken und die daraus folgenden Asylgesuche, die in den letzten Jahren stetig zunahmen.

Zum Schluss betonte Sommaruga mehrfach, dass die politische Bildung die Voraussetzung einer jeden Demokratie sei und dass der Staat die Verantwortung trage, diese Bildung zu gewährleisten. Die Bundesrätin war daran interessiert, von den Schülern zu erfahren, ob die politische Bildung heutzutage funktioniere. Sie habe während ihrer Gymnasialzeit nämlich sehr wenig mitbekommen. Das habe vielleicht aber auch daran gelegen, dass sich ihr politisches Interesse damals noch in Grenzen hielt.

Im Vergleich zum ersten Gespräch mit Herrn Amstutz war deutlich zu spüren, dass die Stimmung viel gelassener war, das Publikum stets aufmerksam und ausserdem förmlich an den Lippen der Bundesrätin klebte. Auch beim anschliessenden Apéro gab es noch viele individuelle Fragen der Schülerschaft zu beantworten. Ihr professionelles Auftreten, verbunden mit der sympathischen Ausstrahlung, hinterliess bei allen Zuhörern einen äusserst positiven Eindruck von der Bundesrätin.

 

http://www.youtube.com/watch?v=p2uJwt3kzPg&context=C321b266ADOEgsToPDskKpUpDrg3XrgsmPAXK6npHN

Siehe auch den Artikel im Bund vom Sa. 21.1.2012

http://www.derbund.ch/bern/Bundesraetische-Sommaruga-propagandistischer-Amstutz/story/28648513

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Alltägliches aus einer anderen Perspektive

Mit unserer Reportage wollen wir einen kleinen Einblick in das Leben von Rollstuhlfahrern in einer Stadt geben. Dabei versuchten wir uns an alltäglichen Dingen und bemerkten, dass schon das Einfachste seine Tücken birgt.

Marc Tschirren, Elena Magara und Jolanda Schick

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn Sie ihre Einkäufe im Rollstuhl erledigen müssten? Wenn die Preisschilder in der obersten Reihe des Regals kaum noch zu erkennen sind, geschweige denn das Produkt? Und wenn Sie sich dann für ein Produkt entschieden haben: wie dieses erreichen?

Wir wollten uns im Rahmen einer Reportage genau mit diesen Problemen auseinandersetzen, welche Rollstuhlfahrer jeden Tag lösen müssen. Dieses Vorhaben setzten wir in einem Selbstexperiment um.

Damit unser Selbstexperiment überhaupt zustande kommen konnte, mussten wir zuerst überlegen, wo, wann und wie es stattfinden sollte. Wir entschieden uns, an einem Freitagnachmittag durch Bern zu gehen bzw. zu fahren und dabei die Reaktionen der Passanten und unsere Eindrücke festzuhalten.

Um das Projekt überhaupt starten zu können, mussten wir im Zieglerspital Bern anfragen, ob wir einen Rollstuhl ausleihen dürften.

Wir starten in einer Seitengasse in einer der vielen Gassen von Bern. Um mit unserem Projekt nicht aufzufliegen oder bei Beobachtern für Missmut zu sorgen, geschieht dies schnell und unentdeckt. Daraufhin geht es los: Ein Nachmittag im Rollstuhl. Der jeweilige Fahrer wird unauffällig von den weiteren zwei Reportern begleitet, um notfalls Hilfe zu leisten und eigene Beobachtungen zu machen.

Erste Fahrversuche

Schnell merken wir, dass Rollstuhl fahren anstrengend und mühsam ist. Als „Anfänger“ ist die Handhabung eines Rollstuhls ziemlich knifflig, bis man den Dreh raus hat. Zudem setzt die winterliche Kälte den sonst schon sehr belasteten Händen stark zu. Erste Versuche mit Einlenken, Drehen und Beschleunigen benötigen einige Zeit, dabei sind das ja erst die Grundlagen.

Schon nach kurzer Zeit fällt uns auf, dass die Passanten uns schräg oder auch mitleidig anschauen. Dies ist auf der einen Seite störend, auf der anderen wiederum schön, weil man merkt, dass die Menschen doch Mitgefühl zeigen. Dennoch fühlen wir uns häufig den Blicken ausgeliefert und dadurch exponiert. Mit der Zeit weichen wir den Blicken immer mehr aus, das ewige Anstarren ist anstrengend.

„Was steht dort oben?“

Nicht nur die Blicke sind gewöhnungsbedürftig, auch die niedrige Lage im Rollstuhl. Konnte man zuvor immer ohne Probleme das gewünschte Objekt aus dem Regal nehmen, findet man hier schon eine erste Hürde. Selbst mit einer Grösse von 1.83 Metern konnte unser grösster Proband nicht mehr als die Hälfte der Produkte erreichen. Deshalb ist der Rollstuhlfahrer nun darauf angewiesen, dass ihm geholfen wird. Doch was steht denn nun genau dort auf dem obersten Regal? Aus dem spitzen Winkel ist die Beschreibung nicht erkennbar. Nun ist es wirklich an der Zeit, das Personal oder die schon genug gestressten Kunden um Hilfe zu fragen. Bezüglich der Hilfsbereitschaft haben wir einen kleinen Test durchgeführt, welcher im weiteren Verlauf noch erläutert werden wird.

Einkaufen eine Ebene tiefer

Die nächste Station auf unserer kleinen Reise ist der “Globus”. Hier wollen wir herausfinden, wie die Produkte erreichbar sind und wie Kunden auf unsere Frage nach Hilfe reagieren. Im Gegensatz zum vorherigen Lebensmittelgeschäft sind die Produkte auf einem tieferen Niveau und ermöglichen uns, sie besser zu erreichen. Gerade wenn Blusen oder Pullover auf dem Einkaufzettel stehen, sollten diese auch für alle erreichbar sein. Unsere Probandin fragt nun nacheinander diverse Kundinnen und Kunden, ob sie ihr einen Pullover oder zum Beispiel auch eine Vase herunterreichen könnten. Reagiert wird ohne Ausnahme freundlich und zuvorkommend. Wir merken, dass ihnen unwohl ist: Eine Frage steht ihnen fast ins Gesicht geschrieben: „Was ist denn mit dir passiert, dass du in solch jungem Alter im Rollstuhl sitzt?“. Dies ist uns selbst in der Rolle der Gebrechlichen sehr unangenehm, denn wir bemerken stets das grosse Mitleid unserer Umwelt. Einen weiteren positiven Aspekt entdeckten wir im rollstuhlgängigen “Globus” in Form eines Lifts für Rollstuhlfahrer. Mit diesem erreicht man eine zusätzlich eingebaute Galerie, in welcher weitere Produkte zum Verkauf angeboten werden. Auch wenn dort unserer Ansicht nach zu wenig Platz zwischen den einzelnen Regalen herrscht, waren wir sehr positiv überrascht.

Was eine leichte Neigung ausmachen kann

Nach dem “Globus” stellen wir uns erneut den Tücken der Berner Lauben und Strassen. In den Lauben zu fahren ist an sich kein Problem. Dieses ergibt sich erst, wenn der Rollstuhlfahrer die Lauben verlassen respektive in sie hineinfahren will. Im Umkreis des Hauptbahnhofs sind die Lauben erreichbar, weil der Gehsteig an gewissen Orten mit der Strasse verbunden ist. Diesen Ort gilt es zuerst aber noch zu finden! Wir fahren auch auf den Pflastersteinen der Altstadt, eine Achterbahn ist, bezüglich Rütteln und Wackeln, ein Dreck dagegen. Kontrolliertes Fahren ist somit kaum möglich und gerade Betroffene mit Rückenleiden werden sich sicher nicht freuen. Deshalb wechseln wir schnell in die Lauben. Je weiter man in Richtung Bärengraben rollt, umso schwieriger ist es, mit dem Gefälle und den Unebenheiten der Altstadt zu Rande zu kommen. Nahe dem Ziel ist es aber nur mit Mühe möglich, die Laube zu verlassen, ist doch in beiden Lauben eine Treppe integriert. Diese lässt sich nur mit bewusstem Planen umgehen, das heisst, die Laube bereits früh verlassen. Eine andere Variante sind die eigens für dieses Problem eingebauten Rollstuhllifte, die den Fahrer auf das gewünschte Niveau der jeweiligen Strasse bzw. Laube befördern. Nach einer nervaufreibenden Strecke kann man sich nun entspannt einer Berner Touristenattraktionen widmen. Denn wenigstens gibt es einen Bus zurück, sonst müsste der Rollstuhlfahrer selbst die ganze Strecke zurück ins Zentrum hinauffahren.

Wir verlassen den Bus mit der entsprechenden Rampe, welche in jedem Bus vorhanden ist. Wir befinden uns nun in der Nähe des “Loeb”. Hier stellt sich die Herausforderung der Gehsteige, denn diese sind meist nur einmal nivelliert. Haben wir den Gehsteig verlassen, müssen wir nun über die Tramgeleise fahren. Diese sind gerade so breit, dass sich eines der beiden Räder des Rollstuhls in den Geleisen festhaken könnte, wenn man in die gleiche Richtung wie ihr Verlauf fährt. Eine weitere Gefahr im alltäglichen Verkehr ist entdeckt. Doch fokussieren wir uns auf unser Ziel: Wir möchten auf Perron 7 im Hauptbahnhof.

Perron 7

Um ins untere Geschoss des Berner Hauptbahnhofs zu gelangen, gibt es nur eine Möglichkeit: Den Lift. Die Aufzüge sind unter dem Baldachin, in der „Welle“, sowie im Bahnhof zugänglich. Eine gute Sache: Der Bahnhof ist, wie auch zu Fuss, mit dem Rollstuhl schnell erreichbar. Einziger Kritikpunkt: die Lifte sind nicht sehr breit und bieten wenig Raum. Hier bedarf einer geschickten Manövrierkunst. Eine Etage tiefer gilt es, durch das geschäftige Treiben des Bahnhofs zu fahren. Oft geht hier, so bemerken wir, im Stress die Rücksicht auf Verkehrspartner verloren. Da wir aus der Richtung des Baldachins kommen, steht auf dem direkten Weg zum Perron kein Lift zur Verfügung. Dies ist nur der Fall, wenn der Fahrer von der „Welle“ her auf das Perron will. Uns steht also nur die Rampe zur Verfügung, sind wir doch keine Treppengänger. Die Rampe sieht zu Beginn einfach aus, schnell merken wir aber, dass man mit der Steigung Mühe hat. Denn gegen diesen Winkel anzufahren benötigt enorme Muskelkraft und ist schweisstreibend. Ein routinierter Fahrer hätte hier wohl weniger Mühe, wir jedoch kommen nur mit der Unterstützung eines Kollegen hoch. Wollten wir jetzt in den Zug einsteigen, so stellte sich das Problem des Einsteigens selbst. Neue Wagons haben ausfahrbare Verlängerung des Trittbretts, doch hier wird trotzdem fremde Hilfe benötigt. Der Sendung „Kassensturz“ des Schweizer Fernsehens[2] entnahmen wir auch, dass ältere Wagons nicht mit dieser Technik ausgestattet sind. Somit müsste der Rollstuhlfahrer im Voraus einen speziellen mobilen Lift bei der Bahngesellschaft anfordern, um in den Wagen zu gelangen. Spontanreisen mit dem Zug werden ohne Planung schwierig .

Bern als rollstuhlfreundliches Beispiel

Die letzte Reporterin steigt aus dem Rollstuhl. Nach einigen Stunden ist unser kleines Projekt nun am Ende angelangt. Wir blicken auf eine holprige, aber auch schöne Zeit zurück und ziehen unsere Schlüsse:

Wir sind der Auffassung, die Stadt als rollstuhlfreundlich betiteln zu dürfen. Doch es gibt Zustände, die verbessert werden könnten.

Einkaufszentren (nicht nur in Bern) sollten mehr Platz schaffen zwischen den Gängen und es den Rollstuhlfahrern möglich machen, auch das Produkt auf den höchsten Regalen erkennbar zu machen, Gründe sind sowohl wirtschaftliche Interessen als auch die Kundenfreundlichkeit. Natürlich sind solche Forderungen mit Umstrukturierungen sowie Investitionen verbunden. Die Frage bleibt, ob gerade nationalen Firmen, welche für Kundenfreundlichkeit einstehen, sich um die noch bessere Integration von Behinderten einsetzen sollten. Auch andere Kunden würden sich freuen, dem Gedränge zu Stosszeiten aufgrund der grösseren Ladenfläche ausweichen zu können.

Detailhändler dürfen sich ein Vorbild an der Firma “Globus” nehmen, die sich dieser Problematik erfolgreich angenommen hat. Zudem sollte das Personal aufmerksam sein und dem Kunden im Rollstuhl zur Verfügung stehen können.

Viele Zugänge zum Bahnhof wurden für Rollstuhlfahrer bereits geschaffen, Platzprobleme sind hier nicht von eminenter Wichtigkeit. Kritikpunkte hier sind die bereits erwähnten Rampen, welche zu steil sind, und die Lifte, die geräumiger und damit komfortabler sein könnten.

Zeitmanagement ist eine Tugend

Wir waren aber positiv überrascht, was schon alles geleistet wurde zur Erleichterung des Rollstuhlverkehrs. Wir denken hier an die speziellen Rollstuhllifte, Einrichtungen bei Bussen und Zügen sowie die Nivellierungen der Gehsteige an manchen Stellen. Der Berner Bevölkerung gilt ein weiteres Lob; während keinem unserer Test spürten wir negative Energien, alle nahmen sich die Zeit zu helfen. Dies ist in unseren Augen nicht selbstverständlich.

Daraus schliessen wir, dass Ausflüge und Einkaufen gut geplant werden müssen. Denn es geht viel Zeit verloren, um Übergänge, Lifte und rollstuhlfreundliche Wege zu finden und zu befahren. Dies verlangt eine gute Zeitplanung, aber auch Geduld und Flexibilität. Ist die Stadt Bern das Reiseziel, so kann sich der Rollstuhlfahrer aber auf eine fahrfreundliche Gegend einstellen.

Wir können sagen, dass wir froh sind, dieses Experiment gemacht zu haben. Denn wir finden es wichtig, den Alltag einmal aus einer uns ungewohnten Perspektive gesehen zu haben; so versteht man auch die Probleme von Rollstuhlfahrern besser.

Keep rollin’!

Die Wheelmap-App

Findige Programmierer haben für Rollstuhlfahrer eine spezielle App entwickelt. Diese erlaubt es herauszufinden, wie man ohne grosse Hindernisse ans Ziel gelangt, wo ein rollstuhlfreudliches Café ist oder ob man mit dem Rollstuhl in ein bestimmtes Museum gelangt . Nach dem Prinzip der ständigen Erneuerung kann der User selbst die Karte bearbeiten; damit hilft er anderen Usern mit seinem Wissen. Die App ist weltweit vernetzt, Reiseplanung ist also auch unter diesem Aspekt möglich. Erhältlich ist Wheelmap für Apple-User in iTunes. In unseren Augen eine pfiffige und soziale Idee! [1]

Quellen

Bilder:

[1]        http://barrierefreiwohnen.files.wordpress.com/2011/04/schild_rollstuhl.jpg

[2]        http://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.villingen-schwenningen-behinderte-freuen-sich-ueber-freundliche-hilfe.31de3044-3377-4a69-aa64-4912598d4195.html

[3]        http://fotowelt.chip.de/k/wettbewerb/fotowettbewerb-detail-aufnahmen/hindernis/665095/

App Bilder:

[1]        http://itunes.apple.com/ch/app/wheelmap/id399239476?mt=8

Kassensturz:

[2]        http://www.videoportal.sf.tv/video?id=6232db47-6daf-4f1c-8035-7eec7d703b67

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Irrfahrten eines Jungen am Rande unserer Gesellschaft

Verfasst von Nuria Hosmann, Azur Buljugic, Luisa Pitsch

Janosch ist 19 Jahre alt. Er macht in Thun eine Anlehre als Koch und wohnt in einer WG in Wabern bei Bern. Er erhält monatlich ungefähr 700 Franken IV, da ihn seine Eltern auf Grund ihrer Drogenabhängigkeit während der Ausbildung nicht unterstützen können. Zusätzlich bekommt er einen reduzierten Lehrlingslohn. Er hat uns an seiner Geschichte teilhaben lassen.

Am 14. Juli 1992 kommt Janosch Weber in Interlaken auf die Welt. Er hat eine schöne Kindheit, verbringt viel Zeit im Wald und auf dem Fussballplatz. Sein Vater ist schon damals heroinabhängig, „das war für mich nichts Besonderes“, sagt Janosch heute; er wächst mit Drogen auf. Als Janosch  noch sehr klein ist, macht sein Vater eine Therapie in Bern, wo Janosch die Spielgruppe besucht. Manchmal geht er den Vater mit seiner Mutter und seinem zwei Jahre älteren Bruder besuchen. Ein unschöner Anblick, an den er sich noch gut erinnern kann. Seinem Vater steht während der Therapie dreimal das Herz still, die Ärzte können ihn reanimieren. Nach der Therapie geht es ihm wieder besser, die Familie zieht zurück nach Interlaken. Nach einem halben Jahr fängt der Vater wieder an zu spritzen, damals ist Janosch sieben Jahre alt. Ein Jahr später lassen sich seine Eltern scheiden. Sein Vater fängt an, mit Marihuana zu dealen, damit er sich das Heroin finanzieren kann. Janosch ist zehn Jahre alt, als er in Kifferkreisen zu verkehren beginnt und die Droge auch erstmals selbst konsumiert. Er hängt nur mit älteren Jungs rum und ist viel unterwegs, darf zuhause kiffen. „Meine Mutter hat manchmal gesagt, das sei nicht gut. Mein Vater kannte halt nur diese Welt. Es war ihnen lieber, wenn ich zuhause kiffte, als draussen auf der Gasse. So konnten sie kontrollieren, was für Gras ich rauchte. Ich kriegte das Gras meistens von meinem Vater.“

Mit 13 stiehlt er seinem Lehrer etwa 1000 Franken und beginnt damit, Gras zu dealen. Nach einem Monat erscheint die Polizei im Schulzimmer und führt ihn ab. Er muss auf den Polizeiposten, die Polizisten fragen ihn nach dem Geld. Er stellt sich dumm, sie behaupten, sie hätten Beweise. Janosch gesteht. Er erhält einen Beistand und muss zwei Monate lang Urinproben abgeben. Falls er weiter kiffe, so wird im gedroht, komme er ins Heim. Zwei Wochen kifft er nicht, „dann war es mir egal.“ Er kommt in dasselbe Heim, in welchem sein Bruder schon ist. Bis dahin hatte er bei seiner Mutter gelebt. Diese war nach der Scheidung von Janoschs Vater wieder in den Alkohol und dann in die Drogen abgerutscht. Das Heim befindet sich in einem Kaff ausserhalb von Interlaken in einem vierstöckigen Bauernhaus. Janosch raucht und kifft weiter, wird dafür mit langen Märschen bestraft. Jedes zweite Wochenende hat er Ausgang und kann nach Hause. Als er gegen das Rauchverbot im Gebäude verstösst, bekommt er 250.- Strafe und eine Woche Ferien gestrichen. Es reicht ihm und haut mit einem Kollegen ab. Sie gehen nach Interlaken zu Janoschs Vater. Am nächsten Tag werden sie von der Polizei gefasst, später von der Heimleitung abgeholt. Die Heimleiter geben ihnen je ein Paar Wanderschuhe, mit dem Auftrag, nach Hause zu marschieren. Die beiden Jungs kehren um, wollen wieder abhauen und werden abermals von der Polizei aufgegriffen. Die Heimleitung schickt sie nach Richigen in den Jugendknast. Zwei Wochen Time-Out, das heisst: 23h Stunden am Tag im Zimmer, eine Stunde darf man raus. Zwei Wochen lang. Man darf einen Film pro Tag schauen, während des Tages Musik hören. Lesen darf man auch. Nach den zwei Wochen Time-Out kommt man auf die Gruppe. Man isst miteinander, während des Tages  arbeitet man im Atelier.
Nach vier Wochen auf der Gruppe kann Janosch zurück ins Heim, er wird 15. „Vor den Sommerferien gab es immer ein Trekking, da sind wir beispielsweise nach Italien gewandert. Oder einmal um die ganze Schweiz mit dem Fahrrad gefahren. Einmal gab es ein Surfcamp, und einmal waren wir Gleitschirmfliegen. Das hat immer Spass gemacht.“
In den Sommerferien geht Janosch mit der ganzen Familie ans Openair Frauenfeld. Sein Vater nutzt die Zeit zum Dealen, es wird viel gekifft. Nach den Ferien muss Janosch eine Urinprobe abgeben, ihm wird ein Monat Ausgang gestrichen.

Danach kommt er mit Max ins Zimmer. Sie rauchen viel und haben nur Unsinn im Kopf. Sie gehen zusammen auf Kurve, nach Zürich, wo Max herkommt. Dort leben sie teilweise bei Freunden von Max, teilweise auf der Gasse. Schliesslich werden die beiden Jungs aufgegriffen und zurück ins Heim gebracht. Sie hauen ein weiteres Mal ab, diesmal nach Olten. Sie trinken viel, brechen in ein Schulhaus ein, weil es kalt ist. Dabei werden sie erwischt und landen bei der Polizei. Sie müssen über Nacht nach Solothurn, in die U-Haft.
Danach schickt die Heimleitung Janosch ins Appenzell zu einer Bauernfamilie. „Krisenintervention hiess das.“ Auf dem Hof pflegt er die Tiere: Raubkatzen, Affen, Wickelbären. Danach muss er wieder nach Richigen, zwei Wochen Time-Out. Max kommt nach Frankreich zu einer Familie. Nach dem Aufenthalt wird Janosch von der Heimleitung nach Genf gebracht, von da aus müssen die Beiden zu Fuss nach Hause gehen.
Als Janosch zurück ins Heim kommt, wird ihm gesagt, er müsse jetzt aufs Jugendschiff. Man habe alles versucht und nichts habe wirklich etwas gebracht. Vier Tage später muss er aufs Schiff. „Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was da auf mich zu kam. In der Zeit vor dem Schiff hatte ich begonnen, manchmal Heroin zu rauchen. Mehr zum Ausprobieren eigentlich. Ich wusste damals aber auch nicht, wie weiter, wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Ich hatte Selbstmordgedanken. Da hat mich das Heroin beruhigt. Zum Schlafen ist es gut. Heute habe ich aber keine Lust mehr darauf.“

Er fliegt mit dem Erzieher nach London, von da aus nach Fallmouth. Dort liegt das Schiff vor Anker: 50 Meter lang, drei Masten, vierzehn Segel und etwa 700m2 Segelfläche, „ein Riesenschiff!“
Die Auflage sind 40 “erfüllte” Wochen. Wird eine Woche nicht erfüllt, so muss sie wiederholt werden. Anfangs sieht Janosch „nur Seile und schuftende Matrosen“; darauf betritt er zum ersten Mal seine Koje, welche für die nächste Zeit sein Zuhause sein wird: etwa eineinhalb auf zwei Meter gross, mit einem 50cm breiten Bett ausgestattet.  Bald darauf sticht das Schiff in See. Janosch erlebt in der darauffolgenden Woche seine schlimmsten Tage auf dem Erziehungsschiff. Heftige Stürme und meterhohe Wellen begleiten das Schiff auf seiner Route nach Portugal. Janosch ist stark seekrank. Die ganze Woche verbringt er ohne viel zu essen oder zu trinken, er erbricht ständig. „Was reinkam, ging gleich wieder raus“, lacht er heute. „Wie auf einem schlechten Trip war’s,“ sagt er, „einige Tage lang habe ich gar nichts mehr gecheckt.“ Das Schiff macht Halt in Lissabon, Janosch kann sich erholen. Nach vier Wochen werden die Segel erneut gesetzt und die Reise führt die Mannschaft nach Marokko und von da aus über Gibraltar in Richtung Balearen. In Mallorca bleiben sie länger. Die Jungen werden von einem Team von 10vor10 besucht, ein Bericht über sie wird in den Nachrichten ausgestrahlt. (Hier Klicken) Danach werden erneut die Segel gesetzt, Janosch hat sich mittlerweile an die Wellen und das Schiff gewöhnt. Er schafft sich in der Mannschaft nach oben, wird Schiffsjunge. „Da war Schluss mit der Drecksarbeit!“

Tunesien, Silvester 2009. Mit einem kleinen Bus fahren die Matrosen ziemlich weit in die Wüste hinaus, durch viele kleine tunesische Dörfer. Ihr Ziel ist eine Oase mitten in der Sahara. Dort feiern die Jungs und ihre Betreuer den Jahreswechsel. Sie trinken süssen Tee, „Mashisha“, und dürfen ausnahmsweise Wasserpfeife rauchen. Am ersten Januar sitzen sie auf einem Kamel.

Es geht weiter nach Italien. Sie umsegeln Sardinien, dann Elba, machen einen Ausflug auf die Insel. Danach setzt sich die Reise fort nach Korsika. Janosch wird zum Lichtmatrosen. „Da konnte ich dann noch mehr herumbefehlen und musste fast keine anstrengende Arbeit mehr machen. Und ich durfte zweimal die Woche in den Ausgang, wenn wir an Land waren. Damals hatte ich mir überlegt, eine Lehre als Matrose zu machen.“

Es geht weiter nach Griechenland, Kefalonia, anschliessend Athen. Die Mannschaft macht viele Inselturns. „Das war die schönste Zeit!“ Danach wird die Stadt Korinth besucht, wo sie den Korinther Kanal durchsegeln, anschliessend gehen sie zurück nach Kefalonia. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Griechenland, Sizilien, Sardinien, schliesslich wieder nach Mallorca. Janosch fliegt zurück in die Schweiz. „In den 50 Wochen habe ich 5’500 Seemeilen gemacht, das sind ca. 10’000km. Ein Viertel um die Welt!“, sagt er stolz. Das Schiff hat ihn geprägt. „Ich habe gelernt, etwas durchzubeissen. Und ich habe keine Probleme mehr mit Autorität. Man hat viel Zeit um nachzudenken, darüber, was man will, mit sich und seinem Leben.“

Als er zurückkommt, darf er in ein Lehrlingsheim, welches ein früherer Betreuer mittlerweile eröffnet hat. Dort bietet sich ihm die Möglichkeit, intern eine Lehre als Koch zu beginnen und somit erstmals berufliche Erfahrungen zu sammeln. Alles läuft prima, der Junge ist nach seiner Auszeit motiviert. Manchmal vermisst er das Schiff. Er kocht täglich mit einer Kollegin für die Erzieher und Lehrlinge. Das geht eine Zeit lang gut. Janosch ist nun beinahe 18 Jahre alt. Er geht öfter in den Ausgang und beginnt, vermehrt Partydrogen zu konsumieren. „Bis dahin war es eigentlich immer nur ein Ausprobieren“, sagt er. Es geht abermals bergab. Er wird aus dem Heim und der Lehre geworfen und steht somit wieder dort, wo er zu Beginn seiner Segelfahrt gestanden hatte. Als Janosch schliesslich 18 wird, lebt er bei seinem Vater, da seine Mutter in der Therapie ist. Sein Vater dealt mit Heroin. Janosch bekommt einen Einblick in die heruntergekommene Szene: „All die Leute, wie verstört sie daherkamen, mit einer Hand voller erbetteltem Münz, für ein zwanziger Briefli.“ Einige Jahre zuvor, als Janosch noch im Heim war, starb ein Freund von ihm in demselben Haus an einer Überdosis. „Die waren einfach alle eingepennt und niemand hat gemerkt, dass er verreckt.“ Der Vermieter seines Vaters kriegt das Ganze nach einiger Zeit mit, und den beiden wird die Wohnung gekündigt. Sie sind nun obdachlos. Janosch packt seinen gesamten Besitz in zwei Sporttaschen und macht sich auf nach Bern. Dort lernt er Nora kennen, ein gleichaltriges Mädchen, das ihn für zwei Monate bei sich aufnimmt. Danach zieht er eine Zeit lang von Sofa zu Sofa.

Schliesslich kann er sich mit Unterstützung der IV-Rente ein Zimmer mieten; er zieht nach Wabern in eine dreieinhalb-Zimme- Wohnung, die er sich mit einem Kollegen teilt. Er beginnt eine Anlehre in einem Altersheim in Thun, die Stelle hat ihm seine Sozialhilfe verschafft. Einmal in der Woche besucht er eine Schule, eine Art zehntes Schuljahr. Sein Chef weiss von seiner Vergangenheit und seinen wochenendlichen Ausflügen. Wenn er sich bewährt, bekommt er im Sommer 2012 eine Lehrstelle. „Ich hoffe, ich kriege sie, aber ich muss mich schon noch ein bisschen klemmen“, schmunzelt er. „Aber ich habe mich ja auch gemacht in der letzten Zeit.“

Seinen Vater sieht er regelmässig, seine Mutter weniger. „Ist ja auch Scheisse, sie während der Therapie zu besuchen. Mein Bruder, der auch heroinabhängig war, lebt jetzt in so einer betreuten Wohnung. Ich sehe ihn ab und zu. Ich glaube, er braucht einen bestimmten Rahmen, damit es ihm gut geht. Er kann mit der Freiheit nicht so gut umgehen. Mein Vater tut mir leid, wenn ich ihn sehe. Er ist immer noch obdachlos, aber er tut sich ja auch nicht darum. Ihm ist das inzwischen alles egal. Wenn ich mit ihm unterwegs bin… Na ja, ich schäme mich nicht, doch es ist seltsam, man sieht es ihm ja mittlerweile auch an. Aber weisst du, trotz allem habe ich mir nie andere Eltern gewünscht.“

Namen wurden von der Redaktion geändert.

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Prager Frühling – ein Erlebnisbericht

Sie sind nachts gekommen. In der Nacht vom 20. auf den 21. August. Ich weiss noch, dass ich vorher mit meinem Freund unterwegs war; keiner von uns hätte auch nur etwas geahnt. Meine Tante weckte mich dann mit den Worten: ‚Der Dritte Weltkrieg ist ausgebrochen! ‘.“
So hat der gebürtige Prager Jan Friede, damals 18-jährig und heute Lehrer am Gymnasium Köniz-Lerbermatt, den Einmarsch der Sowjets in die tschechoslowakische Hauptstadt erlebt. In Wirklichkeit war dies aber nicht der Beginn des Dritten Weltkriegs, sondern die Niederschlagung des Prager Frühlings.
Unter dem Begriff „Prager Frühling“ versteht man den Versuch der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ durchzusetzen.

„Ich bin ein Kind des Kommunismus.“
Als Folge der Machtübernahme der stalinistischen Politik der Sowjetunion war ab 1948 der Kommunismus die Staatsform der Tschechoslowakei. Somit hat der 1949 geborene Jan Friede die Tschechoslowakei damals gar nicht ohne den Kommunismus gekannt. Der ganze Aufbau des kommunistischen Systems und die Umstrukturierung der Gesellschaft hat er als Kind in der Schule miterlebt: „Man musste die führenden Kommunisten beinahe anbeten.“ So zeigte sich dieser grosse Personenkult um die führenden Politiker.
Jan Friedes Mutter stammte aus einer Familie, die vorher Grossgrundbesitzerin war und somit zu den Klassenfeinden des Regimes gehörte. Dies war für ihn zwar nicht unmittelbar eine Erschwerung; seine Mutter und ihre Geschwister jedoch wurden in der Berufs- und Studienwahl benachteiligt. So durfte beispielsweise sein Onkel nicht studieren, bevor er zehn Jahre lang gearbeitet hatte – und dies möglichst hart.
Natürlich gab es auch treue Kommunisten, aber die Mehrheit der tschechoslowakischen Bevölkerung übte stille Kritik am Kommunismus. So nistete sich eine Art Opportunität ein, das heisst, „man hat zwar offiziell mit den Kommunisten die Fahnen mitgeschwenkt, sich privat aber davon abgewandt.“
„Diese Ambivalenz der Werte, mit der man aufwächst, ist etwas, was die Seele prägt. Man geht in die Schule und bekommt etwas eingetrichtert, dann kommt man nach Hause und der Vater sagt: ‚Was sie dir erzählt haben darfst du nicht glauben. Es ist genau umgekehrt. ‘“ So prallten zwei Welten aufeinander – eine grosse Herausforderung für ein Kind, dessen Eltern nicht kommunistisch sind.
Es gab jedoch auch eine schöne Seite des Kommunismus – die enorme Sportförderung der Jugendlichen, wie Jan Friede heute sagt. Um an Sportanlässen teilnehmen zu können, war es jedoch obligatorisch, bei den Pionieren (kommunistischen Jugendorganisation) Mitglied zu sein. So waren auch sehr viele nicht-kommunistische Jugendliche Mitglied dieser Organisation.

„Da hat man tatsächlich gespürt, dass etwas geht.“
Im Herbst 1967 kam es zu Studentendemonstrationen und Angriffen auf die politische Führung, da viele mit der stalinistischen Politik des regierenden Parteichefs der Tschechoslowakischen Kommunistischen Partei, Antonín Novotný, unzufrieden waren. Dieser wurde abgesetzt und 1968 durch Alexander Dubček ersetzt. Sein Ziel war ein politisches Reformprogramm, dazu gehörten Demokratisierung, Versammlungsfreiheit und Aufhebung der Zensur. „Die Bewegung hat sich während mehreren Jahren angebahnt und es waren eher die Intellektuellen, die erste Kritik formuliert und unter dem Volk verbreitet haben“, erinnert sich Jan Friede. In der Schule hat sich für ihn jedoch noch nicht viel geändert. Russisch war von diesem Zeitpunkt an nicht mehr die einzige Fremdsprache; man durfte nun auch Deutsch wählen, was er getan hat.
Auch im sonstigen Alltag gab es stückweise kleine Veränderungen: In Kinos konnte man westliche Filme schauen, die vorher nicht gezeigt wurden. Ebenso konnte man Bücher kaufen, die vorher verboten waren.
Aber erst 1968 hat sich wirklich etwas gewandelt, als das alte Regime abgewählt wurde und Dubček, der Vertreter der jungen Kommunisten, an die Macht kam: „Da hat man tatsächlich gespürt, dass etwas geht. Das äusserte sich auch in freien Demonstrationen; plötzlich wurden Parteien gegründet, man durfte in den Westen ausreisen, eine Reise über die Grenze machen; man musste schon noch Bewilligungen einholen, aber es war für uns wirklich eine Alltagsrevolution. Vorher durften wir nichts, jetzt immerhin etwas.“ Man merkte zwar schon, wie sehr man eingeschränkt wurde, wusste auch, dass man in Amerika oder England viel mehr durfte, aber sie seien schon mit diesen wenigen Neuerungen zufrieden gewesen. So war Jan Friede im Sommer vor dem Einmarsch der Sowjets in der Bundesrepublik Deutschland gereist um zu arbeiten, was vorher undenkbar gewesen wäre.

„Zuerst war da Wut.“
Bei der Sowjetunion stiess die zunehmende Liberalisierung der Tschechoslowakei auf Ablehnung: Die Mitgliederstaaten des Warschauer Pakts befürchteten, dass auch ihre Länder von der Liberalisierungswelle gepackt werden könnten.
Die Lage verschärfte sich und als Höhepunkt folgte in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei. Mit gewaltlosem Widerstand versuchte die Zivilbevölkerung die Panzer zu stoppen.
Jan Friede erinnert sich, dass die Leute den Druck der Sowjets schon wahrgenommen haben, aber nie mit einem Einmarsch gerechnet hätten. In der Nacht des Einmarschs habe man tatsächlich das Dröhnen der Flugzeuge über Prag gehört, die Material in die Tschechoslowakei brachten. Danach rückten die Panzer nach. Am Morgen sah man diese dann auch auf den wichtigsten Plätzen und Kreuzungen in der ganzen Stadt, und da waren plötzlich überall fremde Soldaten auf den Strassen. Die erste Reaktion der Bevölkerung war, wie es Jan Friede empfunden hat, Wut. „Wut, dass sie es wirklich gewagt haben.“ Angst spielte dabei eine weniger grosse Rolle, denn für einen Krieg fehlte den Sowjets der Gegner, da die Tschechoslowakei keinen Widerstand leistete. Nach Anordnung der Regierung durfte die tschechoslowakische Armee nicht aus den Kasernen ausrücken, und die Bevölkerung wurde zu friedlichem Verhalten aufgefordert. Es kam einzig zu Massendemonstrationen, bei denen es allerdings mehrere Todesfälle zu beklagen gab.

 

„18 Jahre alt, da hat man nichts zu verlieren.“
Als die Sowjets einmarschierten, wurde die alte tschechoslowakische Regierung verhaftet. Dadurch herrschte beinahe ein Zustand der Staatenlosigkeit; es gab keine klaren Anweisungen mehr. „Also hat man im Zweifelsfalle alles erlaubt“, erzählt Jan Friede. Im ersten Jahr nach der Okkupation war es sogar möglich nur mit einem Pass, ohne weitere Bewilligungen, auszuwandern. Die von den Sowjets eingesetzte Regierung war sogar daran interessiert, „dass Leute, die Schwierigkeiten bereiten könnten, verschwinden“, wie Jan Friede erklärt. So nutzte er diese chaotischen Zustände für seine Ausreise, die schon zwei Wochen nach der Besetzung Prags erfolgte. Sein Vater gab ihm ein Zugticket und hatte den Plan, später selber nachzureisen. Mit der Einstellung, ein Aufenthalt in einem deutschsprachigen Gebiet sei eine Bereicherung, verliess Jan Friede das Land mit der Absicht, zuerst einmal abzuwarten, wie sich die Situation in der Tschechoslowakei entwickeln würde. Dass er 16 Jahre lang nicht zurückkehren würde, hätte er damals nicht geahnt.

„Wir sind zuerst einmal raus.“
Die erste Station nach der Grenze war München. Doch dort waren schon so viele tschechoslowakische Emigranten, dass die zuständigen Behörden völlig überfordert waren. So hatte er freie Wahl, ob er nach Amerika, Australien, Südafrika oder in ein sonstiges Land reisen wollte. Für ihn war jedoch aufgrund seiner sprachlichen Vorkenntnisse klar, dass er im deutschsprachigen Raum bleiben möchte. Da in Deutschland und Österreich schon viele Emigranten aufgenommen worden waren, schlug man ihm vor, sich für die Schweiz zu entscheiden. Diese Option hatte er vorher nie in Erwägung gezogen, er willigte aber ein.

„Die Schweiz hat mich gewählt.“
Allgemein wurden die tschechoslowakischen Ausreisenden in der Schweiz sehr gut aufgenommen, da sie als Opfer des Kommunismus angesehen wurden. „Kalter Krieg: wir, die reformwilligen Tschechen, waren wieder die geschlagenen Hunde, Beweis für den ‚bösen‘ Kommunismus“, so hat Jan Friede die Einstellung des Westens erlebt. Die Schweizer hatten in diesem Bereich schon Erfahrungen gemacht, da viele Ungarn aufgrund der Ungarnkrise von 1956 in die Schweiz geflüchtet waren.
Obwohl er zuerst nur vorhatte, ein Jahr in der Schweiz zu studieren, bis sich die Lage in der Tschechoslowakei wieder etwas entschärft haben würde, wurde ihm beinahe „Asyl aufgedrängt“. Jan Friede zögerte jedoch, da er die Hoffnung hatte, dass sich die Verhältnisse in seinem Heimatland wieder bessern würden. Auch Studienplätze wurden den Immigranten grosszügig angeboten. Für viele war dies eine grosse Chance, da die Matura in der Tschechoslowakei nicht automatisch ein Studium ermöglicht(e). Viele Stipendien wurden vergeben und sogar Deutschkurse wurden vom Staat bezahlt. „Man hat sich wirklich um uns gekümmert. So viel Geld hatten wir noch nie gehabt“, erinnert sich Jan Friede. Während den ersten Monaten in der Schweiz wohnte er bei einer Professorenfamilie, wie es damals für die „Flüchtlinge des Kommunismus“ üblich war. Danach lebte er in einer kleinen Mansarde.
Die grossen Sympathien waren für die Immigranten auch in anderen Situationen ein Vorteil, etwa beim Reisen. „Wir haben viel Autostopp gemacht. Es genügte, die tschechische Fahne zu schwenken, schon rissen sich die Autofahrer beinahe um uns.“
Sein Vater hat nach einiger Zeit seine Auswanderungspläne auch umgesetzt hat; er ist nach Zürich immigriert.
Doch die Ausreise der beiden hatte auch negative Aspekte, vor allem für seine Schwester und seine Mutter, die in der Tschechoslowakei geblieben waren. Seine Mutter hatte nie den Plan auch auszureisen, da sie schon vor der Okkupation als Sängerin tätig gewesen war und sowieso ziemlich viel reiste. Später wurden jedoch ihre Engagements im Ausland gestrichen. Besonders seine Schwester bekam die Konsequenzen der Ausreise ihres Vaters und Bruders zu spüren: sie durfte zum Beispiel nicht auf die Maturreise. Sie selbst wagte die Ausreise aus der Tschechoslowakei nicht, da sie damals erst 14 Jahre alt war.

„Man führte so eine Art Doppelleben.“
Mit dem neuen Regime wurde der Versuch eines menschlicheren Sozialismus’ jäh vernichtet. So wurde der Staat wieder mit stalinistischer Härte geführt. Viele hatten schnell begriffen, dass sie sich Vorteile verschaffen konnten, wenn sie sich der neuen Regierung anpassten. Die Behörden waren sich aber bewusst, dass es ein von den Sowjets aufgezwungenes Regime war. So lautete ihre Losung: „Wer nicht gegen uns ist, ist mit uns”. Denn es war zu viel passiert, als dass man das Land wieder zurück in den Stalinismus hätte drängen können. Die Bevölkerung musste sich mit dem neuen System abfinden. Viele zogen sich daher vermehrt ins Private zurück, es war eine Art „innere Emigration“.
Manche haben jedoch auch Widerstand geleistet; es bildeten sich neue Oppositionsgruppen, wie etwa „Charta 77“.

„Manchmal hatte ich Alpträume“
Nach diesen Entwicklungen in Prag wollte Jan Friede nicht mehr zurück. Seine Heimatstadt erschien ihm wie ein Gefängnis. Manchmal habe er, so wie viele andere Emigranten auch, Alpträume gehabt, dass er wieder in der Tschechoslowakei sei und keine Chance zur Flucht habe. Auch heute kann er sich eine dauerhafte Rückkehr nach Tschechien nicht mehr vorstellen.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich sie nicht wiedersehen werde.“
Die ersten paar Jahre nach seiner Emigration hätte Jan Friede noch straffrei in die Heimat einreisen können. Da er jedoch den Militärdienst nicht geleistet hatte, wurde er in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt. Wenn er also zurückgekehrt wäre, hätte er die Strafe absitzen müssen. So konnte er seine Mutter und seine Schwester lange Zeit nicht sehen, da diese nicht in westliche Länder reisen durften. Erst später konnten sie sich in gemeinsamen Ferien, wie etwa in Ägypten, treffen. Seine Schwester durfte auch zehn Jahre nach dem Höhepunkt des Prager Frühlings nur alleine ausreisen; ihr Mann und ihre Kinder wurden als eine Art „Pfand“ in der Tschechoslowakei zurückbehalten. Jan Friede selbst kehrte erst 16 Jahre nach seiner Ausreise erstmals wieder in seine Heimat zurück.

 

Fiona Bräuchi, Karin Röthlisberger, Laura Steiner

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«Das Leben endet tödlich»

Heutzutage leben die Menschen viel länger als noch vor 50 Jahren. Viele früher tödliche Krankheiten können heute problemlos dank der modernen Medizin geheilt werden. Kindersterblichkeit und allgemein das Sterben vor dem 70. Lebensjahr ist heutzutage nicht mehr normal. Direkt mit Todesfällen zu tun haben wir heute meist nur noch, wenn unsere Grosseltern sterben oder wenn in unserem Umfeld jemand an einer schweren Krankheit wie Krebs leidet.

Im Allgemeinen ist der Tod heutzutage nicht mehr so präsent wie früher, was dazu führt, dass man sich nicht wirklich mit diesem Thema auseinandersetzen muss.

Dazu kommt die Tatsache, dass heutzutage der Glaube an ein Leben nach dem Tod in der Gesellschaft nicht mehr stark verankert ist. Somit wird der Tod der Nichtexistenz gleichgesetzt. Und diese Endgültigkeit des Todes macht Angst. Dass wir irgendwann einmal nicht existent sind, ist unvorstellbar. Aus rein logischer Sicht wäre nämlich die Nichtexistenz gar nichts Schlimmes. Denn jemand, der nicht mehr existiert, stört sich nicht daran, dass er nicht mehr an den schönen Dingen des Lebens teilnehmen kann. Der Tod wäre also neutral zu bewerten. In dem Sinne ist nur der Leidensweg bis zum Tod etwas Schlimmes, denn diesen müssen wir lebendig ertragen. Und doch halten viele Leute den Tod als etwas vom Schlimmsten, was es gibt, und verdrängen deshalb den Gedanken an ihn.

Um dieser Angst etwas entgegenzusetzen, könnten wir uns die Frage stellen, wie denn ein Leben ohne den Tod wäre? Genau diese Frage beantwortete die Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem Roman „Alle Menschen sind sterblich“. Das Werk handelt vom Protagonisten Fosca. Für diesen ist das Leben belanglos, da er unsterblich ist. Ein Augenblick, der uns wunderbar erscheint, ist für ihn bedeutungslos. Denn er wird ihn immer wieder erleben können. Er hat keinen Wert für ihn. Die Quintessenz des Buches ist die These, dass das Leben ohne die Beschränkung durch den Tod gar keinen Sinn oder Wert hat. Somit könnte der Tod sogar als etwas Gutes aufgefasst werden. Es gibt also neben den Religionen noch andere Meinungen zur genannten Thematik, nur wird der Tod in der Öffentlichkeit nicht allzu oft diskutiert.

Fehlt diese Diskussion? Wird sie von der Gesellschaft bewusst verdrängt? Sollte der Tod enttabuisiert werden?

Um eine mögliche Antwort auf diese Fragen zu erhalten, unterhielten wir uns mit zwei Personen. Beide sind in ihrem Berufsalltag mit dem Tod konfrontiert. Er ist ihnen zwangsläufig präsent.

Martin Grieper ist Pastoralassistent der Pfarrgemeinde St. Josef in Köniz. Sein Tätigkeitsfeld beinhaltet die gleichen Aufgaben wie die eines Priesters. Nur wurde er nicht zum Priester geweiht. In seinen Tätigkeitsbereich fallen die Begleitung von Menschen kurz vor ihrem Tod, die Vorbereitung und Durchführung von Beerdigungen sowie Gespräche mit Angehörigen und Trauernden. Die Unterhaltung mit Herrn Grieper findet in einem Zimmer des Pfarramts statt. Anfängliche Schwierigkeiten mit der Kaffeemaschine lockern die Stimmung auf. So kommt es bei Mandarinen, Nüssen und Kaffee zu einem äusserst interessanten Gespräch, das weit über die Thematik des Todes hinausgeht. Gott ist kaum ein Thema; Herr Grieper wirkt für uns eher wie ein Seelsorger denn wie ein Pfarrer.

Aus einer ganz anderen Perspektive kommt Peter Zimmermann mit dem Tod, genauer gesagt mit Toten, in Berührung. Er ist Präparator an der Universität Basel. Herr Zimmermann bereitet Leichen für Medizinstudenten oder medizinische Seminare vor.

Das Interview führen wir auf freundschaftlicher Ebene, da wir mit dem Präparator bereits bekannt sind. An einem Picknicktisch des Hauptgebäudes des anatomischen Instituts unterhalten wir uns per „Du“ mit unserem Gesprächspartner. Ab und zu hören wir das Geräusch einer ins Schloss fallenden Tür.

Wie würden Sie den Begriff “tot” definieren?

Peter Zimmermann: Ich würde sagen, wenn die körperlichen Funktionen ausser Kraft treten; wenn sich der Organismus nicht mehr am Leben erhalten kann, der Herzschlag aufhört und der Körper eigentlich tot ist.

Wieso wird der Tod als so etwas Schreckliches empfunden? Wieso ist der Tod ein Tabuthema?

P.Z: Er ist endgültig, es ist dann einfach fertig. Man hat vielleicht noch viel machen und sagen wollen. Es ist etwas, von dem man nicht weiss, was nachher passiert.

Wie empfinden Sie den Umgang der Gesellschaft mit dem Tod? Gehen die Menschen positiv oder negativ damit um?

P.Z: Das kommt ganz darauf an. In meinem Beruf merkt man, dass Angehörige ihre Toten abschieben wollen. In der Anatomie ist es so, dass sie die Beerdigungskosten übernimmt. Viele Leute wollen deshalb, um Geld zu sparen, ihre Angehörigen bei uns abgeben. Jedoch haben wir auch mit Angehörigen zu tun, die eine sehr gesunde Einstellung zum Tod haben und sagen, sie wollten den toten Körper des Partners der Wissenschaft zur Verfügung stellen, auch aus guten Gründen.

Also finden Sie, dass es so wie in Deutschland sein sollte, wo die Kosten der Beerdigung nicht übernommen werden?

P.Z: In Deutschland zahlt man 1000 Euro dafür, dass der Leichnam in die Anatomie darf. Nein, solange es sich die Universität leisten kann, finde ich es gut. Ob der Körper jetzt zu uns kommen oder einfach die billigste Beerdigung bekommen soll, spielt für den Verstorbenen keine Rolle. Ich finde es einfach pietätslos, wie gewisse Angehörigen mit ihren Toten umgehen. Es sind aber nicht alle so!

Wie erleben Sie die Gesellschaft im Umgang mit dem Thema Tod?

Martin Grieper: Viele Leute schieben die Fragen nach Sterben und Tod hinaus und beschäftigen sich nie richtig damit. Wenn es dann so weit ist, ist es so, als wären sie gar nicht darauf vorbereitet, dass das bald kommen wird, selbst wenn sie bereits ein gewisses Alter erreicht haben. Ganz alte Leute hingegen reden oft sehr offen darüber. „Ja, ich bin bereit. Hab ja jetzt auch lange genug gelebt…“. Demnach gibt es Leute, die so tun, als käme der Tod auf sie gar nicht zu, und auch solche, die sehr offen darüber sprechen.                                                                                                                                Im Bei Gesprächen mit Familien, in denen jemand gestorben ist, merkt man oft, dass sie gar nicht damit gerechnet haben. Sie befinden sich in einem Schockzustand und nicht nur in tiefer Trauer. Man könnte dies als eine Art Verdrängung ansehen. Zudem hat die Gesellschaft heutzutage, im Vergleich zu früher, einen ganz anderen Bezug zum Thema Tod. Stirbt jemand, bekommt man das nur mit, wenn die Person aus dem persönlichen Umfeld stammt. Früher war oft das ganze Dorf anwesend, wenn jemand aus der Gemeinde gestorben war. Dies führte dazu, dass der Tod präsenter war. Wegen der hohen Kindersterblichkeitsrate und fehlendne medizinischen Möglichkeiten starben oft schon junge Menschen. Man war schon von klein auf mit dem Tod vertraut und mit der Tatsache, dass nicht jeder überlebt, und erlebte vielleicht den Tod eines Geschwisters mit. Dadurch, dass man häufiger mit dem Tod konfrontiert wurde, setzte man sich wohl auch intensiver damit auseinander. Ob der Umgang mit dem Tod für diese Menschen war, kann man nicht sagen.

 

Will man durch den Wahn, jung auszusehen, dem Tod entrinnen?

P.Z: Nein, nicht entrinnen, aber  vielleicht länger in der Gesellschaft bleiben. Einer, der jung aussieht, ist in manchen Augen begehrenswerter. Aber einer, der sich liften lässt, stirbt ja auch einmal. Ich habe eher das Gefühl, dass die Leute, die sich einfrieren lassen wollen und das Gefühl haben, sich wieder auftauen lassen zu können, versuchen, dem Tod auszuweichen. Womöglich wollen sie den Tod als endgültigen Zustand nicht akzeptieren. Ich denke aber nicht, dass das etwas Erstrebenswertes ist.

Haben Sie das Gefühl, besser mit dem Thema Tod umzugehen, da Sie im Beruf damit konfrontiert werden?

P.Z: Nein, das denke ich nicht. Man hat vielleicht mehr Abstand zu Toten, die einen nicht persönlich betreffen. Für mich ist eine Leiche nicht so schlimm wie für jemanden, der nichts damit zu tun hat. Aber ein Todesfall in der Familie trifft mich sicher genauso hart wie jemanden anderes.

M.G: Das ist schon möglich. Man beschäftigt sich halt viel mehr mit solchen Fragen. Aber ich habe mich auch schon früher damit beschäftigt. Deshalb denke ich, dass dies  weniger durch den Beruf bedingt ist, sondern eher durch die eigene Einstellung, die man schon vorher hatte. Da ich aber in meinem Beruf oft damit konfrontiert werde, kann ich den Tod nicht verdrängen. Man ist sich bewusst, dass das Leben aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls sehr rasch zu Ende sein kann. Grundsätzlich ist mir die Begrenztheit des Lebens sehr präsent. Diese Tatsache ist nicht weniger traurig, aber man verdrängt sie vielleicht weniger.

Also haben Sie kein Mittel, wie man mit dem Tod umgehen soll?

P.Z: Nein, ich denke, man muss ihn einfach akzeptieren. Das Leben endet tödlich, das ist ganz klar. Das ist bei jedem so, bei manchen früher, bei anderen etwas später. Jedoch denke ich, dass man nicht den Tod, sondern das Leben akzeptieren muss. Man sollte so leben, dass man zum Schluss sagen kann, man habe das Beste daraus gemacht.

Kann man dann gelassener damit umgehen, wenn wirklich etwas passiert? Oder ist man schlussendlich trotzdem einfach ein Mensch, der Angst vor dem Sterben hat, egal, ob man sich vorher damit beschäftigte oder nicht?

M.G: Man hat nicht direkt Angst vor dem Sterben, sondern davor, was vor dem Tod noch alles geschieht. Oft stellen sich die Menschen die Frage, was im Spital noch alles mit ihnen geschehen wird. Dies ist problematischer als der eigentliche Moment des Sterbens.

Sehen Sie den Tod als Erlösung?

M.G: Ja, oft wird im Bekanntenkreis von Erlösung gesprochen, da der Leidensweg endlich vorbei ist.

Vorhin haben sie erwähnt, dass Sie einen gewissen Abstand zu „den Toten“ haben. Fällt es Ihnen also nicht schwer, mit Toten umzugehen?

P.Z: Das kann ich so nicht sagen. Wenn es einem nicht schwerfällt, ist es auch etwas seltsam. Bei uns ist es so, dass die meisten Toten alt sind. Das Durchschnittsalter unserer Patienten ist 80 Jahre. Der älteste Tote war dieses Jahr 104. Das sind Leute, die ihr Leben gelebt, sich vor dem Tod damit beschäftigt und den Wunsch geäussert haben, hierher zu kommen. Wir haben keine jungen Leute bei uns. Wir haben keine Kinder, die sterben und zu uns in die Anatomie kommen. Wenn wir das hätten, würde es mich sehr beschäftigen. Wir kennen auch das Schicksal der Leute nicht. Wir wissen also nicht, hat der jetzt gelitten und ging es ihm ganz schlecht. Wir haben einfach einen Toten. Wir kennen die Hintergründe nicht, und das macht alles viel einfacher.

Was war das schlimmste Erlebnis mit dem Tod?

M.G: Mir fällt gerade nichts ein. Am ehesten Todesfälle mit Kindern, das hab ich zwei, drei Mal erlebt. Dieses Bangen und Hoffen, ob das Kind überlebt, z.B. zu früh geborene Kinder, ist auf jeden Fall mit das Belastendste. Die Zerrissenheit zwischen Hoffen und Loslassen ist sehr schlimm. Das belastet einen dann auch selber.

Was war denn das schönste Erlebnis mit dem Tod?

M.G: Solche Situationen gibt es beispielsweise, wenn ich den Sterbenden gekannt habe. Sonst berührt es mich halt weniger. Auch schöne Momente gibt es mit Menschen, die ich vorher ein paar Mal besucht habe.

Was ist das „Schöne“, das sie dabei erleben?

M.G: Es ist dieses Spüren, dass jemand wirklich an dem Punkt angelangt ist zu sagen, mein Leben ist zwar zu Ende, ich bin aber zufrieden damit, was gewesen ist, und kann jetzt loslassen. Viele Leute sind auch froh, nochmals mit den Angehörigen sprechen zu können. Solche Prozesse erlebe ich dann als sehr positiv. Es ist schön zu sehen, dass die Menschen in Frieden ihr Leben abschliessen können und ihren Angehörigen Mut machen, sie könnten sie jetzt ruhig gehen lassen. Der Stärkste ist dann oft der Sterbende selbst.

Wie emotional war Ihre erste Sektion?

P.Z: Das ist schwierig zu sagen. Es war sehr speziell, da es ungewohnt war, an Toten zu arbeiten. Noch immer berühren mich einige Fälle. Ich habe einmal ein totes Kind in der Pathologie gesehen, das noch seinen Schnuller im Mund hatte. Das war sehr schlimm. Und das ist mir auch geblieben. Das war ein unglaubliches Schicksal, mit sechs Jahren will noch niemand sterben.

Gehen Sie mit einem Tod in Ihrem Bekanntenkreis anders um?

P.Z: Nein, gleich wie jeder andere auch. Ich glaube nicht, dass mein Beruf eine Rolle spielt.

M.P: Ich habe relativ früh meinen Vater verloren. Diesen Todesfall habe ich natürlich ganz anders erlebt als einen, für den ich die Beerdigung vorbereite. Von dem eigenen Vater Abschied nehmen zu müssen, ist nicht etwas, das man in der Ausbildung zum Pfarrer lernt. Das ist ein emotionaler Trauerprozess. Das kann man sich vorher nicht vorstellen, auch wenn man noch so viele Seelsorgekurse besucht hat. Das Lernen mit anderen Menschen und die eigene Erfahrung sind zwei total verschiedene Dinge. Hingegen wirkt sich das Erlebte wiederum auf den Beruf aus.

Haben Sie weniger Angst vor dem Tod bzw. dem Leidensweg als andere, da Sie den Tod als normal empfinden?

M.G: Ich hab nicht das Gefühl, dass das am Beruf liegt, dass ich das anders erlebe. Es hat etwas mit der eigenen Lebenseinstellung zu tun. Es gibt viele Leute, die mit einer vertrauensvollen Einstellung in das Sterben gehen. Das ist durch den Beruf nicht stärker, denke ich. Da gibt es bestimmt auch Pfarrer, die mindestens genauso viel Mühe mit dem Sterben haben wie ganz viele andere Leute, wenn es ums eigene Sterben geht.

Was empfehlen Sie: wie sollen sich die Leute mit dem Thema Tod auseinandersetzen? Sollen sie dieses Thema verdrängen oder sich damit beschäftigen?

P.Z: Verdrängen sicher nicht, das ist auch gar nicht möglich, irgendeinmal kommt er ja. Man sollte – “auf den Tod hin zu arbeiten” tönt blöd – schauen, dass man die Dinge, die man noch tun möchte, auch dann erledigt, wenn man noch dazu in der Lage ist. Beispielsweise ein Testament schreiben um den Trauerden die Entscheidungen abzunehmen, da sie es ja schon schwierig genug haben.

Würden Sie also sagen, ein Rezept, wie mit dem Tod besser umgegangen werden kann, wäre ein offenes Gespräch zwischen Bekannten und Sterbendem?

M.G: Es ist auf jeden Fall hilfreich, dass eine Person, die weiss, dass sie sterben wird – nach meiner Erfahrung spüren das die meisten Sterbenden irgendwann –, nicht mehr so tun muss, als wäre das nicht so. Das braucht nur Energie und blockiert die Beziehung zwischen den Angehörigen und dem Sterbenden. Denn obwohl der Tod eigentlich nicht sein darf, wird er eintreffen. Den Menschen, die nie darüber reden können, fehlt dann ein Stück des Abschiednehmens. Man könnte sich am Ende noch viel geben oder sagen, wenn man es bewusst tut. Aber das gelingt oft nicht.

Würden Sie es also empfehlen, sich dann mit dem Tod zu befassen, wenn er noch nicht direkt vor der Tür steht?

M.G: Ja. Ich denke, das kann in jedem Alter helfen. Man kann etwas darüber lesen, Filme schauen oder mit Leuten sprechen. Eigentlich sollte es zum Leben dazugehören, dass man sich damit beschäftigt. So eine Art Praktikum, um mit diesen Fragen überhaupt in Berührung zu kommen. Egal, wie jung man ist, man kann sich immer Gedanken darüber machen. Wahrscheinlich wollten Sie sich gerade damit beschäftigen, sonst hätten Sie wohl nicht dieses Thema gewählt.

 

Vielleicht ist also diese Reportage ein erster Schritt, um sich diesem unbegreiflichen Thema anzunähern. Aus den Gesprächen entnehmen wir, dass die Diskussion über den Tod in unserer Gesellschaft durchaus fehlt. Viele Menschen verdrängen die Tatsache, dass sie sterben werden, oft, bis sie direkt damit konfrontiert sind. Meist ist es dann zu spät, sich mit den Angehörigen darüber zu unterhalten, was den Trauerprozess erschwert.

Wir sollten der Tabuisierung also mit Gesprächen unter Freunden oder in der Familie entgegentreten. Es ist immer gut, sich mit solchen Themen im Vorfeld zu beschäftigen, da der Tod einen auch im unerwartetsten Augenblick aufsuchen kann.

Leander Clénin, Josefine Vifian, Séverine Tinembart

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Ein Blick in die Welt eines Blinden

Ein Blick in die Welt eines Blinden

 

Es ist nicht nur ein aussergewöhnlich schreckliches Schicksal, sondern viel mehr die Geschichte eines aussergewöhnlichen Menschen. Silvan Spycher verliert als Kind das Augenlicht durch einen Amoklauf seines Vaters. In einem bewegenden Gespräch erzählte er uns seine Geschichte und seine Art, mit dieser schwerwiegenden Situation umzugehen. Er hat seinen eigenen Weg gefunden, sein Leben selbstständig zu bewältigen.

Als wir aus dem Zug steigen, erwartet uns Silvan bereits am Bahnhof.  Nach der Begrüssung führt er uns mit bestimmten Schritten zu seinem Haus. Es scheint, als würde er den Blindenhund lenken und nicht umgekehrt. Später erzählt er uns, dass er eigentlich gar nicht auf den Blindenhund angewiesen sei, sondern dass er ihn eher als Familienersatz und treuen Weggefährten hält.  Als wir die Wohnung betreten, finden wir bei weitem nicht das vor, was wir uns vorgestellt haben. Es ist eine Wohnung, wie man sie sich von einem Sehenden vorstellt: Bilder hängen an der Wand, Motorradmodelle und Pokale in den Regalen und Delfinskulpturen sind im Wohnzimmer ausgestellt.

Das Einzige, was uns auffällt, ist, dass Silvan das Licht beim Betreten der Wohnung nicht einschaltet. Eigentlich logisch, doch für uns etwas ungewohnt.

10.8.1986: Nach wochenlangem Streit seiner Eltern aufgrund eines Geliebten der Mutter erschiesst Silvans Vater seine Ehefrau und ihren Sohn. Silvan überlebt mit einem Kopfschuss. Danach richtet sein Vater sich selbst. Silvan, der damals neun Jahre alt ist, ist der Einzige der Familie, der überlebt. Erinnerungen an die Bluttat hat er keine. Die Tat hat für Silvan schwere Folgen. Sie kostet ihn das Augenlicht, den Geruchssinn und seine engsten Beziehungspersonen. Zwei Wochen lang liegt er im Koma. Unmittelbar nach dem Aufwachen wird er in ein Heim gesteckt. Dort wird jeglicher Kontakt zu seinen Bekannten und Freunden unterbunden. Er soll das Leben vor der Tat vergessen und sich ein neues Umfeld aufbauen, zudem schnell über die tragischen Verluste hinwegkommen.

Nachdem er uns stolz seine Pokalsammlung gezeigt hat, welche er in der Blindensportart „Torball“ gewann, wendet er sich seinem Computer zu. Die Tastatur sowie der Bildschirm ähneln einem normalen Computer. Darin befindet sich eine spezielle Software, und die Tastatur ist speziell  für Blinde angefertigt.

Damit ist er fähig, seine Briefe einzuscannen und diese vorlesen zu können. Erstaunlicherweise ist er dank dieser Software im Stande alles zu tun, was auch ein Sehender tun kann, beispielsweise im Internet surfen oder auch Dinge bei Ricardo bestellen. Als wir die elektronische Stimme hören, welche ihm die Texte vorliest, schrecken wir auf. Für uns scheint es schier unmöglich, diese unheimlich schnelle Stimme verstehen zu können. Nebst den Erklärungen zum Computer erwähnt er, dass er gerade ein neues Bett selbst zusammen gebaut habe. Wir erfahren, dass er seit langem eine grosse Leidenschaft für handwerkliche Tätigkeiten besitzt. Wir bemerken eine Vielzahl anderer Möbelstücke, zur Zeit unseres Besuches ist er gerade mit einem grösseren Möbel beschäftigt.
Als wir auf dem roten Sofa Platz nehmen,  erzählt er uns, wieso es für ihn so wichtig sei, in einer schön eingerichteten Wohnung zu leben. Er stellt sich  trotz seiner Blindheit alles bildlich vor, da er noch genaue Erinnerungen an früher besitzt. Deshalb ist für ihn seine Wohnungseinrichtung besonders wichtig. Vor allem die rote Farbe des Sofas besitzt für ihn einen grossen Wert. Er erinnert sich noch genau an die rote Polstergruppe im Wohnzimmer seines Elternhauses. Vielleicht ist es auch ein Versuch, sich an der Kindheit und somit an der Zeit des Sehens festzuhalten.

Schon früh ist uns sein Tattoo am Unterarm aufgefallen. Es ist ein sehr ausdrucksstarkes Motiv: Eine von Feuer umgebene Schlange, welche sich durch einen Totenkopf windet. Als wir ihn nach der Bedeutung der Körperkunst fragen, sagt er uns, dass der Totenkopf ein Symbol für den Tod sei, welcher doch sehr stark sein Leben prägte. Das Feuer und die Schlange seinen Motive aus der Biker-Szene, Motive, die seine Faszination für diese Szene zeigen. Wenn Silvan sehen könnte, wäre ein grosser Wunsch, auf ein Motorrad zu steigen und eine Harley zu besitzen. Manchmal ergibt sich die Möglichkeit, dass Silvan bei einem Kollegen aufs Motorrad steigen kann. Leider passiert dies aber viel zu selten.

Nach seiner Einweisung in ein Blindenheim wird Silvan jeglicher Kontakt mit seinem alten Umfeld und seinen früheren Schulkollegen verboten. Erst als das Schweizer Fernsehen eine Reportage über sein Schicksal drehen wollte, erfuhr er, dass seine alten Schulfreunde ihm Briefe gesandt hatten, um ihm in dieser schwierigen Zeit beizustehen. Diese Briefe hat Silvan noch nie zu Gesicht bekommen. Das Blindenheim hat sie ihm vorenthalten, um ihn die Gedanken an sein vorheriges Leben vergessen zu lassen.

 

Momentan ist Silvan arbeitslos. Er hat eine zweijährige Bürolehre bei der Swisscom gemacht. Er betont mehrmals, wie schwierig es sei, als Handicapierter eine Festanstellung zu finden. Viele Arbeitgeber wissen nicht, wie fortgeschritten die Computertechnik für Blinde ist. Zudem sind sie sich nicht im Klaren, dass ein Blinder nach einer gewissen Einführungszeit völlig eigenständig arbeiten kann. Aus diesen Gründen hat Silvan bislang vor allem Gelegenheitsjobs erledigt. Beispielsweise arbeitete er in der “Blinden Kuh” an der Expo und auch in Basel, weiter jobbte er als Telefonist. Diese Erfahrung zeigte ihm, dass er nicht mehr als Telefonist arbeiten will. Sein Traum wäre es, sich handwerklich zu betätigen, um so sein eigenes Geld zu verdienen. Im Idealfall würde Silvan gerne ein eigenes Zügelunternehmen betreiben, weil ihm diese Arbeit am meisten Freude bereitet. Aus diesem Grund hilft er gelegentlich einigen Freunden beim Umziehen. Erstaunlicherweise ist Silvan auch in dieser Beziehung eine grosse Hilfe und wird kaum von seiner Blindheit eingeschränkt. Viele Beobachter merken deshalb nicht sofort, dass Silvan nichts sehen kann, da er sich in vielen Situationen wie ein Sehender verhält. Auch hier wird das Vorurteil widerlegt, dass Bilde andauernd auf Hilfe angewiesen sind.

Silvan hat seit seiner Erblindung bereits einige Beziehungen hinter sich. Unter diesen Freundinnen war nie die Richtige oder die Beziehung funktionierte nicht. Mit 21 Jahren hatte Silvan eine Freundin, die sich für älter ausgab. Sie erzählte ihm, dass sie bereits 16 sei; wie sich jedoch später herausstellte, war sie damals erst 15 Jahre alt. Silvan betont immerzu, dass es ihm äussert wichtig bei der Partnersuche sei, dass seine Partnerin nicht blind ist. Er wäre in seinem Handeln eingeschränkt und würde durch seine Selbstständigkeit die Rolle des Sehendens in der Beziehung einnehmen. Wir bemerken, dass es Silvan sehr wichtig ist, dass man sieht, wie hoch sein Grad an Selbstständigkeit ist und auch wie stolz er darauf ist.  Er betont viele Male, wie oft er auch an Arbeitstagen in eine nahe gelegene Bar geht, um soziale Kontakte zu pflegen, aber auch um seine Selbstständigkeit zu untermalen. So benutzt er dort zum Beispiel keinen Blindenstock und auch nicht seinen geliebten Hund, um auf die Toilette zu gehen. Durch diese äusserst grosse Eigenständigkeit kommt in vielen Menschen das Gefühl auf, dass Silvan seine Blindheit nur vortäuscht, um so Aufmerksamkeit und Mitleid zu erlangen. Diese Inakzeptanz  und dieser fehlende Respekt sind verständlicherweise sehr kränkend, auch diskriminierend und führen dazu, dass Silvan bereits einige Male umgezogen ist. Er betont dennoch, dass er genügend gute Freunde besitze und in der Gesellschaft gut integriert sei. Wir spüren das starke Verlangen nach mehr sozialen Kontakten und Begegnungen, auch wenn er dies nie direkt zum Ausdruck bringt. Er ist in diesem Sinne zu stolz und möchte keine Schwächen offenbaren, da es ihm sehr wichtig ist, dass man sieht, wie gut er zurechtkommt.

Es ist wirklich eindrucksvoll zu sehen, wie gut er sein Leben trotz seinem schweren Handicap meistert. Er kann völlig selbstständig leben, was wir in diesem Masse nicht erwartet hätten. Fast noch mehr beeindruckt hat uns die Tatsache, dass Silvan so offen und frei und mit einer gewissen Distanz über die vergangene Tat seines Vaters und seine schwierige Situation spricht. Man merkt, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen und eine gute Art gefunden hat, damit umzugehen. Er gibt die Hoffnung aber nicht auf, eines Tages mit Hilfe der Medizin das Augenlicht wiederzuerlangen. Er hat viel Vertrauen in die moderne Medizin und glaubt daran, dass es eines Tages möglich sein wird, seine zertrennten Sehnerven wieder zusammenzufügen. Er hat sich sogar schon einige Male überlegt, einen Brief an eine bekannte Augenklinik zu schreiben, um sich über den aktuellen Stand der Forschung zu informieren.

Für uns alle war die Begegnung mit Silvan Spycher eine sehr interessante und prägende Erfahrung, welche uns aufzeigte, wie gut ein Blinder im Alltag zurechtkommt. Es gibt jedoch auch eine Kehrseite der Medaille: Intoleranz und Benachteiligung, konkret in der Berufswelt, aber auch im Privatleben, welche ihre Ursachen in der fehlenden Information hat, machen Silvan manchmal das Leben schwer.

Fotos: Nicolas Kuran-Pellegata

Text: Vera Siegenthaler, Nicolà Bezzola, Nicolas Kuran-Pellegatta, Loris Spycher

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Die Berufs-, und Studienwahl von Gymnasiasten – ein Problem?

Man glaubt es schon oft gehört zu haben, von Freunden, Bekannten oder von eigenen Familienmitgliedern: Das Klischee der Gymnasiasten, die eine Matura in der Tasche haben, aber keine Ahnung, was danach kommen soll. Dass sich die meisten denken: Hauptsache mal an ein Gymnasium, so ist man drei Jahre versorgt, und was danach kommt, ist ja noch weit weg.
Doch stimmt das wirklich? Haben heutige Gymeler keine konkreten Zukunftsvorstellungen? Gehen sie ans Gymnasium, ohne zu wissen warum?
Tatsache ist, dass immer mehr junge Leute ans Gymnasium wollen. Wie sieht die Situation von Maturanden und Maturandinnen aber tatsächlich aus? Was haben sie für Zukunftsträume, und wie viele Gedanken machen sie sich über das Leben nach der Schule?

Im Gymnasium Köniz-Lerbermatt scheinen Zukunftsängste und Studienwahlproblematik auf den ersten Blick nicht erkennbar. Die Schüler und Schülerinnen schlendern durch die Gänge, sitzen in Gruppen zusammen, lachen, diskutieren, streiten. Sie befinden sich in ihrer Welt, in ihrem Alltag, der zum grössten Teil aus Schule besteht und sich gezwungenermassen auch in der Freizeit mehrheitlich um die Schule dreht. Man findet hier keine muffige Büroatmosphäre vor und auch keinen rauen Baustellenton. Man mag somit den Leuten Recht geben, die behaupten, dass Gymnasiasten keine Ahnung von der realen Berufswelt hätten und von harter Arbeit nur aus Bücher wüssten. Ja, die Gymnasien sind ein sicherer Ort für Jugendliche. Sie werden behütet vor wirtschaftlichen Schwankungen, jeder bekommt eine zweite und dritte Chance, Fehler haben oft keine gravierenden Auswirkungen und durch den Klassenverband können sich die Schüler leicht den Blicken der Lehrer entziehen.
Ist also eine gymnasiale Ausbildung ein Spaziergang? Machen sich die Schüler und Schülerinnen während drei Jahren eine schöne Zeit und stehen dann im Sommer überrascht der realen Berufswelt gegenüber?

Claudia Bötschi, Berufsberaterin beim Berufsinformationszentrum (BIZ) in Bern, sieht die Sache etwas differenzierter. Es kommen laut ihren Aussagen jährlich 700 bis 800 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten kurz vor oder nach der Matura ins BIZ, um sich ihrer Zukunftsplanungen zu widmen. Es sei aber richtig, dass gerade Schüler, die während der obligatorischen Schulzeit keine Leistungsprobleme gehabt hätten, sich oft unüberlegt für das Gymnasium entscheiden würden, ohne sich ernsthafte Gedanken zu alternativen Ausbildungen, wie beispielsweise eine Lehre eine ist, gemacht zu haben. Dies trifft auch auf unsere zu diesem Thema gemachte Umfrage zu. Nur drei Schülerinnen aus zwei befragten Klassen gaben an, sich für das Gymnasium entschieden zu haben, weil sie bereits zuvor einen klaren Berufs- oder Studienwunsch im Kopf hatten.
Weiter gibt Bötschi Auskunft, dass, im Vergleich zu Gymnasiasten, Lehrlinge sicherlich reifer im Umgang mit beruflichen Hierarchien, in der Zusammenarbeit mit erwachsenen Mitarbeitern, im Vorbereiten von Bewerbungsgesprächen und bei der Auseinandersetzung mit den oftmals schwierigen wirtschaftlichen Situationen seien.

Ist das Gymnasium also doch ein Schlaraffenland, das letztlich unfähige Berufsleute heranzüchtet? Ganz so einfach darf man die Situation nun auch nicht betrachten. Es würde wohl kein Gymnasiast und keine Gymnasiastin bestätigen, dass das Gymnasium einem Schlaraffenland gleich komme, nicht nur des angekratzten Stolzes wegen, sondern weil so eine weit gefächerte und vertiefende Schulbildung viel abverlangt. Natürlich hängt die Belastung der Ausbildung vom jeweiligen Intelligenzgrad und der Selbstdisziplin der Schüler ab, aber es sei hier einmal behauptet, dass es für alle Gymeler schon Zeiten gab, da sie mit Dauer-Augenringen, die das Gesicht trotz des vielen Kaffees einfach nicht frisch erstrahlen lassen wollten, durch die Gänge schlichen, sie Blätter in die Taschen stopften, unleserlich für andere, inhaltlich aber verzweifelte Versuche erkennen liessen, Unmengen an Unterrichtsstoff auf eine akzeptable Grösse zusammenzufassen, und die Fingernägel vor einer Prüfung immer kürzer wurden, obwohl im Kopf ständig der Gedanke da war, dass es sich gleich nur um ein (oder zwei, oder drei) Blatt Papier und nicht um die Bekämpfung eines um sich schlagenden Zombies handeln würde.
Das soll nicht heissen, dass es die Schlaraffenland-Zeiten nicht auch gibt, die Mittage im Eichholz, die Nachmittage im Marzil;, aber die Schüler können sich stets sicher sein, dass darauf wieder andere Gezeiten folgen werden, wo ein eisiger Wind bläst.

Wie sieht es aber mit den Zukunftsvorstellungen der Gymeler aus?
Spricht man die Schüler und Schülerinnen auf das Thema Berufs- und Studienwahl an, wird deutlich, dass sich, entgegen dem Klischee, viele Gedanken über ihre Zukunft machen. All die verschiedenen Informationsangebote werden rege genützt, von Beratungsgesprächen beim BIZ übers Internet bis zu hilfreichen Tipps von Bekannten.
Viele gaben bei einer Umfrage jedoch zu, dass die nahende Studienwahl sie stresse. Es ist zwar nicht das dringlichste Problem; dennoch spukt es stets in den Köpfen herum, und obwohl die Zeit bis zur Matura noch lange erscheint, wird eine Entscheidung langsam, aber sicher erwartet. Hinzu kommt, dass sich die meisten vom Gymnasium nicht genug unterstützt fühlen. Sinnvoll fänden sie beispielsweise mehr Tage, die den Schülern zur Verfügung gestellt werden, um an Infoveranstaltungen und Beratungsgesprächen teilzunehmen. Die Schnupperpraktika, die einige während der obligatorischen Schulzeit machen mussten, wurden durchwegs als hilfreich angesehen und würden vielleicht auch in Gymnasien Anklang finden. Ein Praktikum nach der Matura ist nicht zuletzt auch deswegen für viele eine gute Übergangslösung, wobei hier oft erstmals richtige Arbeitsluft geschnuppert werden kann.
Die Umfragen ergaben, dass die allermeisten den Wunsch haben, nach dem Gymnasium eine Universität oder eine Fachhochschule zu besuchen, vielleicht nicht gerade anschliessend an die Matura, aber nach einem oder zwei Jahren.
Nur wenige dagegen haben einen anderen Plan für ihre Zukunft, wie beispielsweise eine Lehre zu beginnen. So wie Sara.
Ein strahlendes, ansteckendes Lächeln, eine aufgestellte und sympathische Person mit blonden Strähnchen in den Haaren trifft man an, wenn man den Weg von Sara kreuzt. Begeistert für Sport, insbesondere Eishockey, ist die Schülerin Leiterin der Mädchenriege in einem Turnverein, was eines von ihren großen Hobbys ist. Ob sie einmal in diese Richtung ihren Berufsweg einschlagen wird, ist offen, aber nicht ganz unwahrscheinlich, wenn einem ihr leichtes Zögern bei der Beantwortung dieser Frage auffällt. Zuerst will sie allerding eine gute Grundlage schaffen. Aus diesem Grund wird sie nach dem Abschluss des Gymnasiumeine eine KV Lehre bei einer Bank beginnen. Die Frage, weshalb sie die Lehre nicht direkt nach der obligatorischen Schulzeit angefangen hat, beantwortet sie damit, dass sie den Eintritt ins Gymnasium geschafft hatte und sich deshalb gar nicht Gedanken um andere Optionen machte. Rückblickend, denkt sie, hätte sie direkt mit einer Lehre anfangen sollen. Das Gymnasium würde sie bei einer neuen Wahl nicht mehr wählen.
Ihre Eltern haben sie in ihrer Berufswahl immer unterstützt, aber nie versucht, sie zu beeinflussen. Sara konnte immer ihren eigenen Weg gehen.
In der obligatorischen Schulzeit hätte sie sich mehr Unterstützung bei der Berufswahl von Seiten der Lehrer erhofft. Die einzige Aktion von der Schule aus war das Schnuppern, damals in der 9. Klasse, in der sie eine Schnupperlehre als Pharmaassistentin absolvierte. Das war allerdings schon alles, was die Schule in Richtung Berufswahl und Zukunft aktiv beigetragen hatte.
Jetzt aber blickt Sara mit Freude auf den Beginn ihrer KV Lehre. Nicht zuletzt auch wegen der neuen Erfahrung des Geldverdienens, obwohl dies nicht oberste Priorität habe. Wichtiger sei eher all das Neue, Unbekannte, das sie erwarten wird, wenn sie in die Arbeitswelt eintaucht.
Für viele der Befragten kristallisierte sich jedoch ein Studienwunsch im Verlaufe der Prima heraus, dadurch, dass in dieser Zeit auch die Uni-Besuchstage stattfinden und somit auch Anregungen bieten.
Es gibt aber auch solche, die bis jetzt noch keinen klaren Studienwunsch haben.

Moira ist intelligent, gesellig, hübsch. Eine, von der man überzeugt ist, dass sie alles schaffen könnt: Ärztin werden, Gärtnerin, Lehrerin. Sie könnte irgendeinen Weg wählen und würde ganz bestimmt am Ziel ankommen. Erfolgreich. Wenn sie nur wüsste, welchen Weg wählen.
Denn genau das ist ihr Problem. Interessen hat sie viele, genauso wie Fähigkeiten. Doch eine Entscheidung fällen für eine bestimmte Richtung nach dem Gymnasium, konnte sie bis jetzt noch nicht. Es war ihr bereits einmal ähnlich ergangen nach der obligatorischen Schulzeit, die Moira in der Steinerschule absolviert hatte. Weil sie nicht wusste, was genau eigentlich das Richtige für sie wäre, begann sie die gymnasiale Ausbildung, die ihr noch alle Berufsmöglichkeiten offen halten sollte, damit sie noch Zeit haben würde, sich zu entscheiden. Nun, drei Jahre später, steht sie wieder vor dem selben Dilemma. Die Matura naht und Moira hat keinen Plan.

Warum das so ist, ist für Moira schwierig zu beantworten. Vielleicht war der Gymer nicht die richtige Entscheidung. Denn obwohl sie dankbar ist für all die Bildungsinhalte, die sie in dieser Ausbildung antraf, hält sie eine Lehre heute für die bessere Option. Ja, selbst wenn sie schliesslich nie auf dem gelernten Beruf arbeiten würde, hätte sie doch Einblicke in die Berufswelt erhalten, hätte einen Beruf, auf den sie immer zurückgreifen könnte, und zudem mit einer Berufsmatura auch die Möglichkeit, an eine Fachhochschule zu gehen.
Ein weiterer Grund könnten aber auch die vielseitigen Interessen sein, die Moira gerade jetzt mehr hindern, als nützen. Eine Entscheidung zu fällen ist nicht leicht, wenn man so weit gefächert interessiert ist und dennoch nirgends eine Leidenschaft entwickeln kann. Man will nichts ausschliessen, hat Angst, etwas zu verlieren, wenn man in eine bestimmte Richtung geht, und befürchtet, die passendste Option zu verpassen. Das Problem bei dieser Hinauszögerungstaktik: Entscheidet man sich nicht, findet man auch nicht.

Es ist verständlich, dass es Moira stresst, diese ganze was-machst-du-nach-dem-Gymer-Kiste; dennoch sieht sie das Thema auch von einer anderen Seite. Es sei schliesslich ja auch ein enormes Privileg, so in die Zukunft zu blicken, ohne zu wissen, was genau auf einen zukommen wird.
Und eine Entscheidung konnte Moira dennoch bereits fällen. Ein Zwischenjahr möchte sie nach der Matura erst einmal machen, während dem sie zuerst etwas arbeiten und später noch reisen möchte, vielleicht verbunden mit einem Freiwilligeneinsatz im Ausland. Das soll ihr helfen, sich klarer zu werden über ein mögliches Studium oder eine mögliche Lehre, aber vor allem über sich selbst.

So wie Moira gibt es also einige, die momentan noch nicht wissen, was sie nach der Matura machen wollen, wobei aber die allermeisten bereits eine Vorstellung haben: ein konkretes Studium, eine Lehrstelle oder ein geplantes Zwischenjahr.
Ein allgemeines Rezept für eine erfolgreiche Zukunftsplanung gibt es laut Claudia Bötschi allerdings nicht. Jedoch ist es nicht verkehrt, sich im Internet zu informieren, ins BIZ zu gehen und sich Gedanken zu den eigenen Fähigkeiten, aber auch Wünschen zu machen. Dies markiert den Beginn der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema und ist der erste Schritt in eine selbstbestimmte Zukunft.
Von Rahel Z. und Julia S.

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Hinter dem Jazz

Bier und gespanntes Flüstern prägen die Stimmung im Raum. Die Klischees, Zigarrenrauch und Whiskey, gehören hier nicht zum Programm. Neu ist hier der Jazz. Modern, nicht verstaubt.
Die Lichter werden gedimmt, die Band betritt die Bühne. Es ist ein gut besuchtes Konzert im Bejazz-Club. „Donaflor“ heisst die Band, welche an diesem Abend das Publikum begeistert.

Donaflor im Bejazz-Club

Im Jahr 2007 wurde der Bejazz-Club eröffnet. Zusammen mit dem Stadttheater Bern teilt er sich die Vidmarhallen in Köniz. Er ist die wichtigste Spielstätte des Vereins Bejazz. Mit rund 80 Konzerten pro Jahr ist Bejazz ein wichtige Teil der Schweizer Jazz-Szene, der sowohl von Musikern als auch vom Publikum sehr geschätzt wird. Der Verein hat mittlerweile mehrere hundert Mitglieder.
2004 hatte man die damalige Location, die Dampfzentrale, aus verschiedenen Gründen verlassen müssen. Danach folgten drei Jahre der Suche nach einem geeigneten Ort. Während dieser Zeit waren die Konzerte an verschiedenen Orten in der ganzen Stadt. 2007 entschied man sich, in die Vidmarhallen zu ziehen. Obwohl man nun ziemlich weit vom Stadtzentrum entfernt ist, sei die Lage sehr gut, sagt Fabio Baechtold, Programmleiter des Bejazz-Club. Mit ihm haben wir ein Interview geführt.
Als Programmleiter ist er dafür zuständig, aus den zahlreichen Anfragen von Bands ein abwechslungsreiches Programm zusammenzustellen. Meist habe er so viele Anfragen, dass er sich regelrecht wehren müsse gegen die Flut. Dabei muss
er auch immer darauf achten was die Musiker im Moment gerade tun, und zur Ergänzung Bands eigenhändig anfragen.

Seit dem Umzug auf Könizer Boden im Jahre 2007 fällt das sogenannte Laufpublikum weg. Der Weg zum Stadtzentrum ist eher lang. Leute kommen daher nicht mehr spontan an ein Konzert. Dies sei allerdings kein grösseres Problem. Es birgt sogar Vorteile. Das Publikum ist interessiert und gespannt. Viele  Jazz-Bands spielen genau deshalb sehr gerne im Bejazz-Club. Allerdings kann es vorkommen, sei es wegen dem Wetter oder irgendwelchen Umständen, dass einige Veranstaltungen nur sehr schlecht besucht sind. Gerade die etwas experimentelleren Acts müssen sich manchmal mit dem Stammpublikum zufrieden geben.

Fabio Baechtold an seinem Arbeitsplatz

Ohne Subventionen geht im Bereich Kultur heute fast nichts mehr. Auch der Verein Bejazz ist davon betroffen. Die Stadt Bern, die Gemeinde Köniz und der Kanton Bern sorgen dafür, dass eben nicht nur Mainstreamkonzerte, welche rentieren, sondern auch anspruchsvollere Musik angeboten werden kann. Es geht dabei darum, dass man den Leuten die Neukreationen des Genres näher bringt. Oft sind das Musiker, die sehr experimentell arbeiten, nach dem Prinzip „was ankommt, wird weitergeführt, der Rest wird vergessen“.

Konkurrenz. In Bern sind die meisten andern Lokale Bars, welche zur Ergänzung musikalische Unterhaltung bieten. Beim Bejazz-Club steht klar die Musik im Vordergrund. Um sich von andern Lokalen im Raum Bern abzusetzen, hat sich der Club auf Bands aus der Schweiz spezialisiert. Fabio muss trotzdem darauf achten, dass Bands nicht innerhalb kurzer Zeit sowohl an einem andern Ort als auch bei ihm auftreten. Die Gefahr ist sonst gross, dass viele Leute schon am anderen Konzert waren. Oder es hat die Folge, dass Leute denken, sie kriegten noch oft die Chance, die Band zu sehen, weil sie ja so oft auftritt. Ein wichtiger Grund ist auch das Erscheinen in den regionalen Medien. Lokale Zeitungen schreiben keine Artikel zu einer Band, zu welcher sie schon einige Wochen zuvor etwas veröffentlicht haben. Fabio achtet darauf, dass er die Medien stets mit guten Informationen beliefert. Am wichtigsten sind dabei die Fotos. Da die Redaktion oft mehrere Optionen für Berichte hat, werde oft zugunsten des besseren Bildes entschieden. Konzert-Kritiken gibt es praktisch nie. Zeitungen schreiben nur im vornherein. Sogenannte Vorschauen sind enorm wichtig, weil sie eine Art Gratiswerbung darstellen. Ausserhalb von Stadt und Agglomeration nehme er keine Konkurrenz wahr, sagt Fabio. Der grösste Teil des Publikums komme aus der Stadt. Deshalb sei es kein Problem, wenn Bands in kurzem zeitlichen Abstand auch in Thun oder Biel auftreten.

Junge Leute bilden das Publikum der Zukunft. Es wird viel Wert darauf gelegt, junge Leute anzulocken. Für alle Schüler mit gültigem Schülerausweis gilt: 10 Franken Eintritt pro Konzert. Weil Jazz heute grundsätzlich den Ruf hat, alt und verstaubt zu sein, wird auf die Gestaltung eines abwechslungsreichen und modernen Programms besonders Wert gelegt. Zudem werden ganze Schulklassen eingeladen. Viele Schülerinnen und Schüler wissen nicht, dass die Musikfachschaft des Gymnasium Köniz-Lerbermatt zwei Jahreskarten besitzt. Diese können für 5 Franken „gemietet“ werden.

Dimitri Valavanis & Max Hurni

 

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