Heutzutage leben die Menschen viel länger als noch vor 50 Jahren. Viele früher tödliche Krankheiten können heute problemlos dank der modernen Medizin geheilt werden. Kindersterblichkeit und allgemein das Sterben vor dem 70. Lebensjahr ist heutzutage nicht mehr normal. Direkt mit Todesfällen zu tun haben wir heute meist
nur noch, wenn unsere Grosseltern sterben oder wenn in unserem Umfeld jemand an einer schweren Krankheit wie Krebs leidet.
Im Allgemeinen ist der Tod heutzutage nicht mehr so präsent wie früher, was dazu führt, dass man sich nicht wirklich mit diesem Thema auseinandersetzen muss.
Dazu kommt die Tatsache, dass heutzutage der Glaube an ein Leben nach dem Tod in der Gesellschaft nicht mehr stark verankert ist. Somit wird der Tod der Nichtexistenz gleichgesetzt. Und diese Endgültigkeit des Todes macht Angst. Dass wir irgendwann einmal nicht existent sind, ist unvorstellbar. Aus rein logischer Sicht wäre nämlich die Nichtexistenz gar nichts Schlimmes. Denn jemand, der nicht mehr existiert, stört sich nicht daran, dass er nicht mehr an den schönen Dingen des Lebens teilnehmen kann. Der Tod wäre also neutral zu bewerten. In dem Sinne ist nur der Leidensweg bis zum Tod etwas Schlimmes, denn diesen müssen wir lebendig ertragen. Und doch halten viele Leute den Tod als etwas vom Schlimmsten, was es gibt, und verdrängen deshalb den Gedanken an ihn.
Um dieser Angst etwas entgegenzusetzen, könnten wir uns die Frage stellen, wie denn ein Leben ohne den Tod wäre? Genau diese Frage beantwortete die Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem Roman „Alle Menschen sind sterblich“. Das Werk handelt vom Protagonisten Fosca. Für diesen ist das Leben belanglos, da er unsterblich ist. Ein Augenblick, der uns wunderbar erscheint, ist für ihn bedeutungslos. Denn er wird ihn immer wieder erleben können. Er hat keinen Wert für ihn. Die Quintessenz des Buches ist die These, dass das Leben ohne die Beschränkung durch den Tod gar keinen Sinn oder Wert hat. Somit könnte der Tod sogar als etwas Gutes aufgefasst werden. Es gibt also neben den Religionen noch andere Meinungen zur genannten Thematik, nur wird der Tod in der Öffentlichkeit nicht allzu oft diskutiert.
Fehlt diese Diskussion? Wird sie von der Gesellschaft bewusst verdrängt? Sollte der Tod enttabuisiert werden?
Um eine mögliche Antwort auf diese Fragen zu erhalten, unterhielten wir uns mit zwei Personen. Beide sind in ihrem Berufsalltag mit dem Tod konfrontiert. Er ist ihnen zwangsläufig präsent.
Martin Grieper ist Pastoralassistent der Pfarrgemeinde St. Josef in Köniz. Sein Tätigkeitsfeld beinhaltet die gleichen Aufgaben wie die eines Priesters. Nur wurde er nicht zum Priester geweiht. In seinen Tätigkeitsbereich fallen die Begleitung von Menschen kurz vor ihrem Tod, die Vorbereitung und Durchführung von Beerdigungen sowie Gespräche mit Angehörigen und Trauernden. Die Unterhaltung mit Herrn Grieper findet in einem Zimmer des Pfarramts statt. Anfängliche Schwierigkeiten mit der Kaffeemaschine lockern die Stimmung auf. So kommt es bei Mandarinen, Nüssen und Kaffee zu einem äusserst interessanten Gespräch, das weit über die Thematik des Todes hinausgeht. Gott ist kaum ein Thema; Herr Grieper wirkt für uns eher wie ein Seelsorger denn wie ein Pfarrer.
Aus einer ganz anderen Perspektive kommt Peter Zimmermann mit dem Tod, genauer gesagt mit Toten, in Berührung. Er ist Präparator an der Universität Basel. Herr Zimmermann bereitet Leichen für Medizinstudenten oder medizinische Seminare vor.
Das Interview führen wir auf freundschaftlicher Ebene, da wir mit dem Präparator bereits bekannt sind. An einem Picknicktisch des Hauptgebäudes des anatomischen Instituts unterhalten wir uns per „Du“ mit unserem Gesprächspartner. Ab und zu hören wir das Geräusch einer ins Schloss fallenden Tür.
Wie würden Sie den Begriff “tot” definieren? 
Peter Zimmermann: Ich würde sagen, wenn die körperlichen Funktionen ausser Kraft treten; wenn sich der Organismus nicht mehr am Leben erhalten kann, der Herzschlag aufhört und der Körper eigentlich tot ist.
Wieso wird der Tod als so etwas Schreckliches empfunden? Wieso ist der Tod ein Tabuthema?
P.Z: Er ist endgültig, es ist dann einfach fertig. Man hat vielleicht noch viel machen und sagen wollen. Es ist etwas, von dem man nicht weiss, was nachher passiert.
Wie empfinden Sie den Umgang der Gesellschaft mit dem Tod? Gehen die Menschen positiv oder negativ damit um?
P.Z: Das kommt ganz darauf an. In meinem Beruf merkt man, dass Angehörige ihre Toten abschieben wollen. In der Anatomie ist es so, dass sie die Beerdigungskosten übernimmt. Viele Leute wollen deshalb, um Geld zu sparen, ihre Angehörigen bei uns abgeben. Jedoch haben wir auch mit Angehörigen zu tun, die eine sehr gesunde Einstellung zum Tod haben und sagen, sie wollten den toten Körper des Partners der Wissenschaft zur Verfügung stellen, auch aus guten Gründen.
Also finden Sie, dass es so wie in Deutschland sein sollte, wo die Kosten der Beerdigung nicht übernommen werden?
P.Z: In Deutschland zahlt man 1000 Euro dafür, dass der Leichnam in die Anatomie darf. Nein, solange es sich die Universität leisten kann, finde ich es gut. Ob der Körper jetzt zu uns kommen oder einfach die billigste Beerdigung bekommen soll, spielt für den Verstorbenen keine Rolle. Ich finde es einfach pietätslos, wie gewisse Angehörigen mit ihren Toten umgehen. Es sind aber nicht alle so!
Wie erleben Sie die Gesellschaft im Umgang mit dem The
ma Tod?
Martin Grieper: Viele Leute schieben die Fragen nach Sterben und Tod hinaus und beschäftigen sich nie richtig damit. Wenn es dann so weit ist, ist es so, als wären sie gar nicht darauf vorbereitet, dass das bald kommen wird, selbst wenn sie bereits ein gewisses Alter erreicht haben. Ganz alte Leute hingegen reden oft sehr offen darüber. „Ja, ich bin bereit. Hab ja jetzt auch lange genug gelebt…“. Demnach gibt es Leute, die so tun, als käme der Tod auf sie gar nicht zu, und auch solche, die sehr offen darüber sprechen. Im Bei Gesprächen mit Familien, in denen jemand gestorben ist, merkt man oft, dass sie gar nicht damit gerechnet haben. Sie befinden sich in einem Schockzustand und nicht nur in tiefer Trauer. Man könnte dies als eine Art Verdrängung ansehen. Zudem hat die Gesellschaft heutzutage, im Vergleich zu früher, einen ganz anderen Bezug zum Thema Tod. Stirbt jemand, bekommt man das nur mit, wenn die Person aus dem persönlichen Umfeld stammt. Früher war oft das ganze Dorf anwesend, wenn jemand aus der Gemeinde gestorben war. Dies führte dazu, dass der Tod präsenter war. Wegen der hohen Kindersterblichkeitsrate und fehlendne medizinischen Möglichkeiten starben oft schon junge Menschen. Man war schon von klein auf mit dem Tod vertraut und mit der Tatsache, dass nicht jeder überlebt, und erlebte vielleicht den Tod eines Geschwisters mit. Dadurch, dass man häufiger mit dem Tod konfrontiert wurde, setzte man sich wohl auch intensiver damit auseinander. Ob der Umgang mit dem Tod für diese Menschen war, kann man nicht sagen.
Will man durch den Wahn, jung auszusehen, dem Tod entrinnen?
P.Z: Nein, nicht entrinnen, aber vielleicht länger in der Gesellschaft bleiben. Einer, der jung aussieht, ist in manchen Augen begehrenswerter. Aber einer, der sich liften lässt, stirbt ja auch einmal. Ich habe eher das Gefühl, dass die Leute, die sich einfrieren lassen wollen und das Gefühl haben, sich wieder auftauen lassen zu können, versuchen, dem Tod auszuweichen. Womöglich wollen sie den Tod als endgültigen Zustand nicht akzeptieren. Ich denke aber nicht, dass das etwas Erstrebenswertes ist.
Haben Sie das Gefühl, besser mit dem Thema Tod umzugehen, da Sie im Beruf damit konfrontiert werden?
P.Z: Nein, das denke ich nicht. Man hat vielleicht mehr Abstand zu Toten, die einen nicht persönlich betreffen. Für mich ist eine Leiche nicht so schlimm wie für jemanden, der nichts damit zu tun hat. Aber ein Todesfall in der Familie trifft mich sicher genauso hart wie jemanden anderes.
M.G: Das ist schon möglich. Man beschäftigt sich halt viel mehr mit solchen Fragen. Aber ich habe mich auch schon früher damit beschäftigt. Deshalb denke ich, dass dies weniger durch den Beruf bedingt ist, sondern eher durch die eigene Einstellung, die man schon vorher hatte. Da ich aber in meinem Beruf oft damit konfrontiert werde, kann ich den Tod nicht verdrängen. Man ist sich bewusst, dass das Leben aufgrund einer Krankheit oder eines Unfalls sehr rasch zu Ende sein kann. Grundsätzlich ist mir die Begrenztheit des Lebens sehr präsent. Diese Tatsache ist nicht weniger traurig, aber man verdrängt sie vielleicht weniger.
Also haben Sie kein Mittel, wie man mit dem Tod umgehen soll?
P.Z: Nein, ich denke, man muss ihn einfach akzeptieren. Das Leben endet tödlich, das ist ganz klar. Das ist bei jedem so, bei manchen früher, bei anderen etwas später. Jedoch denke ich, dass man nicht den Tod, sondern das Leben akzeptieren muss. Man sollte so leben, dass man zum Schluss sagen kann, man habe das Beste daraus gemacht.
Kann man dann gelassener damit umgehen, wenn wirklich etwas passiert? Oder ist man schlussendlich trotzdem einfach ein Mensch, der Angst vor dem Sterben hat, egal, ob man sich vorher damit beschäftigte oder nicht?
M.G: Man hat nicht direkt Angst vor dem Sterben, sondern davor, was vor dem Tod noch alles geschieht. Oft stellen sich die Menschen die Frage, was im Spital noch alles mit ihnen geschehen wird. Dies ist problematischer als der eigentliche Moment des Sterbens.
Sehen Sie den Tod als Erlösung?
M.G: Ja, oft wird im Bekanntenkreis von Erlösung gesprochen, da der Leidensweg endlich vorbei ist.
Vorhin haben sie erwähnt, dass Sie einen gewissen Abstand zu „den Toten“ haben. Fällt es Ihnen also nicht schwer, mit Toten umzugehen?
P.Z: Das kann ich so nicht sagen. Wenn es einem nicht schwerfällt, ist es auch etwas seltsam. Bei uns ist es so, dass die meisten Toten alt sind. Das Durchschnittsalter unserer Patienten ist 80 Jahre. Der älteste Tote war dieses Jahr 104. Das sind Leute, die ihr Leben gelebt, sich vor dem Tod damit beschäftigt und den Wunsch geäussert haben, hierher zu kommen. Wir haben keine jungen Leute bei uns. Wir haben keine Kinder, die sterben und zu uns in die Anatomie kommen. Wenn wir das hätten, würde es mich sehr beschäftigen. Wir kennen auch das Schicksal der Leute nicht. Wir wissen also nicht, hat der jetzt gelitten und ging es ihm ganz schlecht. Wir haben einfach einen Toten. Wir kennen die Hintergründe nicht, und das macht alles viel einfacher.
Was war das schlimmste Erlebnis mit dem Tod?
M.G: Mir fällt gerade nichts ein. Am ehesten Todesfälle mit Kindern, das hab ich zwei, drei Mal erlebt. Dieses Bangen und Hoffen, ob das Kind überlebt, z.B. zu früh geborene Kinder, ist auf jeden Fall mit das Belastendste. Die Zerrissenheit zwischen Hoffen und Loslassen ist sehr schlimm. Das belastet einen dann auch selber.
Was war denn das schönste Erlebnis mit dem Tod?
M.G: Solche Situationen gibt es beispielsweise, wenn ich den Sterbenden gekannt habe. Sonst berührt es mich halt weniger. Auch schöne Momente gibt es mit Menschen, die ich vorher ein paar Mal besucht habe.
Was ist das „Schöne“, das sie dabei erleben?
M.G: Es ist dieses Spüren, dass jemand wirklich an dem Punkt angelangt ist zu sagen, mein Leben ist zwar zu Ende, ich bin aber zufrieden damit, was gewesen ist, und kann jetzt loslassen. Viele Leute sind auch froh, nochmals mit den Angehörigen sprechen zu können. Solche Prozesse erlebe ich dann als sehr positiv. Es ist schön zu sehen, dass die Menschen in Frieden ihr Leben abschliessen können und ihren Angehörigen Mut machen, sie könnten sie jetzt ruhig gehen lassen. Der Stärkste ist dann oft der Sterbende selbst.
Wie emotional war Ihre erste Sektion?
P.Z: Das ist schwierig zu sagen. Es war sehr speziell, da es ungewohnt war, an Toten zu arbeiten. Noch immer berühren mich einige Fälle. Ich habe einmal ein totes Kind in der Pathologie gesehen, das noch seinen Schnuller im Mund hatte. Das war sehr schlimm. Und das ist mir auch geblieben. Das war ein unglaubliches Schicksal, mit sechs Jahren will noch niemand sterben.
Gehen Sie mit einem Tod in Ihrem Bekanntenkreis anders um?
P.Z: Nein, gleich wie jeder andere auch. Ich glaube nicht, dass mein Beruf eine Rolle spielt.
M.P: Ich habe relativ früh meinen Vater verloren. Diesen Todesfall habe ich natürlich ganz anders erlebt als einen, für den ich die Beerdigung vorbereite. Von dem eigenen Vater Abschied nehmen zu müssen, ist nicht etwas, das man in der Ausbildung zum Pfarrer lernt. Das ist ein emotionaler Trauerprozess. Das kann man sich vorher nicht vorstellen, auch wenn man noch so viele Seelsorgekurse besucht hat. Das Lernen mit anderen Menschen und die eigene Erfahrung sind zwei total verschiedene Dinge. Hingegen wirkt sich das Erlebte wiederum auf den Beruf aus.
Haben Sie weniger Angst vor dem Tod bzw. dem Leidensweg als andere, da Sie den Tod als normal empfinden?
M.G: Ich hab nicht das Gefühl, dass das am Beruf liegt, dass ich das anders erlebe. Es hat etwas mit der eigenen Lebenseinstellung zu tun. Es gibt viele Leute, die mit einer vertrauensvollen Einstellung in das Sterben gehen. Das ist durch den Beruf nicht stärker, denke ich. Da gibt es bestimmt auch Pfarrer, die mindestens genauso viel Mühe mit dem Sterben haben wie ganz viele andere Leute, wenn es ums eigene Sterben geht.
Was empfehlen Sie: wie sollen sich die Leute mit dem Thema Tod auseinandersetzen? Sollen sie dieses Thema verdrängen oder sich damit beschäftigen?
P.Z: Verdrängen sicher nicht, das ist auch gar nicht möglich, irgendeinmal kommt er ja. Man sollte – “auf den Tod hin zu arbeiten” tönt blöd – schauen, dass man die Dinge, die man noch tun möchte, auch dann erledigt, wenn man noch dazu in der Lage ist. Beispielsweise ein Testament schreiben um den Trauerden die Entscheidungen abzunehmen, da sie es ja schon schwierig genug haben.
Würden Sie also sagen, ein Rezept, wie mit dem Tod besser umgegangen werden kann, wäre ein offenes Gespräch zwischen Bekannten und Sterbendem?
M.G: Es ist auf jeden Fall hilfreich, dass eine Person, die weiss, dass sie sterben wird – nach meiner Erfahrung spüren das die meisten Sterbenden irgendwann –, nicht mehr so tun muss, als wäre das nicht so. Das braucht nur Energie und blockiert die Beziehung zwischen den Angehörigen und dem Sterbenden. Denn obwohl der Tod eigentlich nicht sein darf, wird er eintreffen. Den Menschen, die nie darüber reden können, fehlt dann ein Stück des Abschiednehmens. Man könnte sich am Ende noch viel geben oder sagen, wenn man es bewusst tut. Aber das gelingt oft nicht.
Würden Sie es also empfehlen, sich dann mit dem Tod zu befassen, wenn er noch nicht direkt vor der Tür steht?
M.G: Ja. Ich denke, das kann in jedem Alter helfen. Man kann etwas darüber lesen, Filme schauen oder mit Leuten sprechen. Eigentlich sollte es zum Leben dazugehören, dass man sich damit beschäftigt. So eine Art Praktikum, um mit diesen Fragen überhaupt in Berührung zu kommen. Egal, wie jung man ist, man kann sich immer Gedanken darüber machen. Wahrscheinlich wollten Sie sich gerade damit beschäftigen, sonst hätten Sie wohl nicht dieses Thema gewählt.
Vielleicht ist also diese Reportage ein erster Schritt, um sich diesem unbegreiflichen Thema anzunähern. Aus den Gesprächen entnehmen wir, dass die Diskussion über den Tod in unserer Gesellschaft durchaus fehlt. Viele Menschen verdrängen die Tatsache, dass sie sterben werden, oft, bis sie direkt damit konfrontiert sind. Meist ist es dann zu spät, sich mit den Angehörigen darüber zu unterhalten, was den Trauerprozess erschwert.
Wir sollten der Tabuisierung also mit Gesprächen unter Freunden oder in der Familie entgegentreten. Es ist immer gut, sich mit solchen Themen im Vorfeld zu beschäftigen, da der Tod einen auch im unerwartetsten Augenblick aufsuchen kann.
Leander Clénin, Josefine Vifian, Séverine Tinembart